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Peru : Mutter Angélicas verschwundener Sohn

Bundespräsident Joachim Gauck in Ayacucho, Peru Bild: dpa

Fast 70.000 Menschen kamen im Bürgerkrieg zwischen der maoistischen Guerrilla und dem Militär in Peru ums Leben. Bis heute kämpfen Frauen wie Angélica Mendoza de Ascarza um Aufklärung und Wiedergutmachung. Bundespräsident Gauck hat sie besucht.

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          Am 12. Juli 1983 änderte sich das Leben von Angélica Mendoza de Ascarza für immer. Soldaten und Geheimdienstleute kamen  mitten in der Nacht. Sie durchwühlten alles. Und sie holten den schlaftrunkenen Arquímedes, ihren 19 Jahre alten Sohn, das jüngste ihrer acht Kinder, aus dem Bett.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          „Ich hielt ihn mit aller Kraft fest, doch sie zerrten uns beide vor das Haus, sie schlugen und traten uns, und dann nahmen sie ihn mit“, erzählt Angélica Mendoza de Ascarza. „,Warum nehmt ihr meinen Sohn mit?’, rief ich, und sie sagten: ,Komm morgen zum Flughafen, alte Frau, dann bekommst du deinen Sohn zurück.’“ Am folgenden Morgen ging sie zum Stützpunkt des peruanischen Heeres und Geheimdienstes „Los Cabitos“ am Flughafen von Ayacucho in der zentralperuanischen Andenregion. Doch dort wollte niemand von ihrem Sohn wissen. Bei der Polizei, beim Bürgermeisteramt, überall bekam sie die gleiche Auskunft: „Wir haben deinen Sohn nicht.“

          Bis heute ist Arquímedes verschwunden. Auch nach fast 32 Jahre sucht „Mamá Angélica“, wie die inzwischen 87 Jahre alte Quechua-Frau mit dem gegerbten Gesicht, den zu dünnen, langen Zöpfen geflochtenen schwarzen Haaren und dem hohen Hut auf dem Haupt, respektvoll genannt wird, ihren Sohn. Sie gründete Anfang September 1983 gemeinsam mit anderen Müttern, Ehefrauen und Schwestern der Quecha, die ihre verschleppten Söhne, Männer und Brüder suchten, in Ayacucho den „Nationalen Verband der Familien der Verschleppten, Verhafteten und Verschwundenen in Peru“ (Anfasep).

          Fast alle Frauen von „Anfasep“ sprechen Quechua als Muttersprache, viele sind bis heute Analphabeten. Bis 2006 war „Mamá Angélica“ Vorsitzende der Menschenrechtsvereinigung, die einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und Aufarbeitung der dunklen Jahrzehnte der peruanischen Geschichte von 1980 bis 2000 geleistet hat. So verdankt auch die im November 2000 ins Leben gerufene peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR) ihre Gründung nicht zuletzt der Vorarbeit von Organisationen wie „Anfasep“.

          Kurz zuvor war damals Präsident Alberto Fujimori aus dem Land geflohen, der mit diktatorischen Mittel geherrscht und den Kampf gegen die maoistische Terrorgruppe „Sendero Luminoso“ (Leuchtender Pfad) seinerseits mit Mitteln des Staatsterrors geführt hatte. Nach Erkenntnissen der CVR, die nach der Vernehmung von rund 17.000 Zeitzeugen im August 2003 ihren gut 6000 Seiten langen Abschlussbericht vorlegte, kamen in dem Bürgerkrieg fast 70.000 Menschen ums Leben. 85 Prozent der Toten stammten aus den bitterarmen Andenregionen in Zentralperu, besonders schlimm wüteten der „Leuchtende Pfad“, aber auch die peruanische Armee und der berüchtigte Geheimdienst SIN, in der Provinz Ayacucho und in deren gleichnamiger Hauptstadt. Drei Viertel der rund 70.000 Bürgerkriegsopfer sprachen als Muttersprache Quechua.

          Das Schicksal der Quechua im peruanischen Bürgerkrieg ist das vorerst letzte traurige Kapitel in der Geschichte dieser seit den Zeiten des Kolonialismus von Verdrängung und Auslöschung bedrohten indigenen Volksgruppe in Lateinamerika. Die radikalmarxistischen Maoisten des „Leuchtenden Pfades“, die viele Jahre von dem einstigen Universitätsprofessor für Philosophie Abimael Guzmán geführt wurden, wollten vorgeblich die armseligen Lebensverhältnisse der indigenen Bauern der Andenregion verbessern. Doch dann gerieten die Quechua von Peru ins Kreuzfeuer des „Leuchtenden Pfades“ und der peruanischen Sicherheitskräfte.

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