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Jeb Bush : Oberster Handwerker der Nation

Will mehr als herumkläffen: Jeb Bush am Montag in Miami Bild: Reuters

Jeb Bushs Verkündung der Präsidentschaftskandidatur in Miami gleicht einem Triumph. Vater George und Bruder George W. bleiben ihr fern. Nun beginnen für den Kandidaten schwerere Zeiten.

          An den Tag dürfte Jeb Bush noch oft wehmütig zurückdenken. Schon als er am Dienstag ins Flugzeug steigt, um sich den Bürgern von Iowa als nunmehr offiziell erklärter Kandidat fürs Weiße Haus zu präsentieren, macht er sich gewiss keine Illusionen: Ein so hingerissenes, buntes Publikum wie am Montag in Miami wird er in den nächsten Monaten nicht allzu oft erleben. Eine Endfünfzigerin, die vor Jahrzehnten aus Kuba nach Florida kam, schwebt nach der Kundgebung in der Sporthalle des Miami Dade College wie auf einer Wolke. „Ich liebe die Bushs“, sagt sie. „In ihrer Familie sind immer alle so positiv“, erläutert sie, „wie früher die Kennedys.“ Stolz fügt die Frau hinzu: „Mein Sohn hat für die Bushs gedient. Er war dreimal im Irak.“ Auch die fein herausgeputzten Damen zwei Reihen weiter hinten, ebenfalls aus Kuba stammend, sehen kein Problem darin, dass der Kandidat bereits der dritte Bush im Weißen Haus wäre. „Man kann sich seine Familie doch nicht aussuchen“, sagt eine 76 Jahre alte Anhängerin entrüstet.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Auf dem neuen Kampagnenlogo verschweigt der frühere Gouverneur von Florida seinen Nachnamen trotzdem lieber. Nur „Jeb! 2016“ steht auf Plakaten und Aufklebern. Vater George und Bruder George W. sind vorsichtshalber nicht zu der großen „Ankündigung“ eingeladen worden. Aber Mutter Barbara, deren neunzigsten Geburtstag die Familie genau eine Woche zuvor in Neuengland gefeiert hat, wird mit stürmischem Jubel begrüßt. Ihr mehrfach wiederholtes Verdikt, Amerika habe genug Bushs im Weißen Haus verheizt, hat sie mit ihrem Besuch endgültig zurückgenommen. Sohn Jeb versichert den Amerikanern: „Niemand hat sich den Job (des Präsidenten) durch seinen Lebenslauf, seine Partei, sein Dienstalter, seine Familie oder seine Familiengeschichte verdient. Niemand ist an der Reihe. Alle stehen auf dem Prüfstand, und das Ergebnis ist völlig offen.

          Konkurrenz verteufelt Bush als Politik-Establishment

          Dass sich Jeb Bush, der in sechs Monaten rund hundert Millionen Dollar für seine „potentielle“ Kampagne eingeworben haben soll, in den Umfragen bisher nicht vom restlichen Kandidatenfeld absetzen konnte, hatte er wohl nicht erwartet. Gerade in den wegen des Wahlkalenders wichtigen Staaten Iowa, New Hampshire und South Carolina scheint die von vielen Konkurrenten verfolgte Strategie zu verfangen, ihn in einem Atemzug mit der Demokratin Hillary Clinton als Verkörperung des Polit-Establishments zu verteufeln. Auch wohlmeinendere Weggefährten waren entsetzt, wie schwer sich Bush noch im Mai damit tat, sich von seinem Bruder und dessen Irak-Krieg abzugrenzen. Mehrere Tage brauchte der frühere Gouverneur von Florida, um sich zur Aussage durchzuringen, dass er mit dem Wissen von heute den Einmarsch in den Irak 2003 nicht befohlen hätte. Doch jetzt geht Jeb Bush zum Gegenangriff über. Die konservativen Hardliner im Senat, von denen sich allein vier um die Präsidentschaft bewerben, belehrt er, dass „Führung mehr als Herumkläffen“ bedeute. „Viele Leute reden viel, und darin sind sie ziemlich gut“, sagt Bush in einem neuen Werbevideo. „Aber wir müssen endlich ein paar Dinge reparieren.“ Wo die einen sich über Probleme ereiferten, sehe er Lösungen.

          Um sich von Barack Obama abzusetzen, inszeniert sich Hillary Clinton als gestählte Kämpferin. Bush dagegen dient sich den Amerikanern als oberster Handwerker der Nation an: als Reformer, der zu seinen konservativen Überzeugungen steht, aber darüber nicht die Machbarkeit aus den Augen verliert. Auch nachdem er Dutzende Pfunde abgespeckt hat, mag Jeb Bush zwar noch ein bisschen nach Sachbearbeiter aussehen. Doch die Menge in Miami antwortet begeistert, als eine örtliche Politikerin beim Einheizen fragt, wer sich noch daran erinnere, wie es der Gouverneur mit den „BHAGs“ aufgenommen habe: „Big! Hairy! Audacious! Goals!“, rufen die Leute. Die Parole von den „großen, haarigen, kühnen Zielen“ hatte Bush vor mehr als zwanzig Jahren im Wahlkampf geprägt. Jetzt verkündet er, dass er als Präsident der Vereinigten Staaten ein jährliches Wirtschaftswachstum von vier Prozent anpeile und damit 19 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen werde. Eine Vier stand bei Amerikas (inflationsbereinigten) Wachstumszahlen zuletzt vor dem Komma, als Bill Clinton das Land regierte.

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