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Lula da Silva im Gespräch : „Das ist ein Akt des Wahnsinns“

„Voll Tatkraft – wie ein Jugendlicher von 50 Jahren“: Luiz Inácio Lula da Silva im F.A.Z.-Gespräch Bild: Matthias Lüdecke

Brasilien steckt in der schwersten Krise seit Jahrzehnten. Der frühere Präsident Lula da Silva ist trotzdem optimistisch. Ein Gespräch über Auswege, Korruptionsskandale, das Amtsenthebungsverfahren gegen seine Nachfolgerin und seine eigenen Ambitionen.

          Vor fünf Jahren sind Sie aus dem Präsidentenpalast in Brasília ausgezogen. Bald darauf wurde bei Ihnen Kehlkopfkrebs diagnostiziert und Sie zogen sich auch aus der Öffentlichkeit zurück. Wie geht es Ihnen heute?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Schauen Sie, das war nicht nur wegen des Krebses. Ein Ex-Präsident darf nicht demjenigen in die Quere kommen, der regiert. Ich bin deshalb viel gereist. Und dann im Oktober 2011 wurde der Krebs in meinem Hals entdeckt. Gott sei dank ist der inzwischen geheilt. Ich muss noch zwei Untersuchungen machen, eine jetzt vor Weihnachten, eine im April. Und dann hoffe ich, dass es das war mit dieser Krankheit in meinem Leben. Ansonsten geht es mir gesundheitlich gut. Ich bin 70, voll Tatkraft, wie ein Jugendlicher von 50 Jahren zu kämpfen.

          Auch ohne Amt sind Sie in Brasilien längst wieder im politischen Leben und in den Schlagzeilen präsent. Es heißt, Sie mischen auch kräftig in der Regierung mit.

          Wer glaubt, ein Ex-Präsident könne sich in die Regierung einmischen, versteht nicht, wie die Präsidentschaft funktioniert; insbesondere in einem Land, das eine Präsidentin Dilma Rousseff hat. Es ist unmöglich, sich einzumischen. Ein Ex-Präsident sollte sich nur äußern, wenn er um Rat gefragt wird. Deswegen habe ich nicht mehr mit der Presse gesprochen, fast fünf Jahre lang. Jetzt habe ich aber entschieden, wieder in den politischen Disput einzusteigen, weil die Presse mich sowieso behandelt, als wäre ich Kandidat für 2018. Sie hat schon vorsorglich angefangen, sich gegen mich zu positionieren, so wie sie es schon 1989 gemacht hat, wie 1994, wie 1998, wie 2002, wie 2006, wie 2010. Aber ich kandidiere nicht, ich habe nicht entschieden, zu kandidieren. Das kann ich drei Jahre vorher nicht.

          Haben Sie denn Lust, noch einmal zu kandidieren? Dilma Rousseff, Ihre Vertraute und Nachfolgerin, darf nach zwei Amtszeiten ja nicht mehr antreten.

          Nein, nein, wer einmal Präsident war und so erfolgreiche Amtszeiten hatte wie ich, hat keine Lust zurückzukehren. Ich muss inständig hoffen, dass Hunderte junge Kandidaten auftauchen, weniger alt als ich, gesünder als ich und mit besseren Voraussetzungen als ich. Ich sage immer: Die einzige Möglichkeit, dass ich kandidiere, ist der Fall, dass Brasilien Gefahr läuft, einen Präsidenten zu bekommen, der all das zurückdrehen würde, was wir erreicht haben. 40 Millionen Brasilianer sind in die Mittelschicht aufgestiegen, 36 Millionen haben die absolute Armut verlassen. Brasilien ist von der Welthungerkarte der Vereinten Nationen verschwunden. Wir haben die Zahl der Studenten an Universitäten verdoppelt, die Zahl der Schüler an technischen Schulen verdreifacht.

          Brasilien steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Haben Sie keine Angst, dass auch dadurch viele Ihrer Errungenschaften zunichte gemacht werden könnten?

          Ich habe keine Angst vor Krisen. Wenn ich Angst vor Krisen hätte, wäre ich gar nicht geboren. Mein ganzes Leben bestand aus Krisen. Und das ist keine brasilianische Krise. Sie begann mit den amerikanischen Subprime-Krediten, ging weiter mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und anderen, europäischen Banken, nach Griechenland und Europa. In den Schwellenländern kam sie erst an, nachdem sie in Europa 102 Millionen Arbeitsplätze zerstört hatte.

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