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Indigene in Brasilien : Der heilige Berg am Rande des Molochs

Ungebetene Gäste: Streunende Hunde im Dorf der Guaraní Bild: Reuters

An einer Autobahnausfahrt unweit von São Paulo versucht eine Gruppe Indigener, ihre Traditionen zu erhalten. Doch die Dorfgemeinschaft ist bedroht.

          Irgendwann kamen die Hunde in diese Gegend von Jaraguá. Wann es begonnen hat, kann niemand sagen. Es war vor vielen Jahren, vor mehr als zehn, vielleicht schon vor fast zwanzig Jahren. Und noch immer kommen die Hunde. Genauer gesagt, sie werden noch immer gebracht und ausgesetzt. Die Gemeindeverwaltung von Jaraguá, einer Vorstadt der brasilianischen Metropole São Paulo, hat vor ein paar Jahren ein großes Schild aufstellen lassen. Darauf steht, es sei eine Ordnungswidrigkeit und also verboten, hier und überhaupt irgendwo Hunde auszusetzen, denn jedermann sei verantwortlich für „sein Eigentum“.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Genützt hat es nichts oder allenfalls wenig. Die Hunde werden weiter ausgesetzt von Bewohnern São Paulos, die für ihr Haustier keine Verwendung mehr haben. Die Hunde tun sich zu bunten Rudeln zusammen, streunen umher und leisten den Buben beim Fußballspielen auf einem Feld rotbraunen Lehms Gesellschaft. Dass gerade diese Gegend von Jaraguá zu einem der beliebtesten Plätze zum Aussetzen von Hunden der Zwanzig-Millionen-Stadt wurde, ist wahrscheinlich kein Zufall. Der Vorort liegt verkehrsgünstig gut zwanzig Kilometer nordwestlich vom Stadtzentrum an der achtspurigen Ausfallstraße „Rodovia dos Bandeirantes“. Dahinter erstrecken sich knapp 500 Hektar Mata Atlântica, also jenes geschützten atlantischen Regenwaldes, der einst die gesamte Atlantikküste Brasiliens bedeckte und heute zu 93 Prozent abgeholzt ist. Vom 1135 Meter hohen Pico do Jaraguá, dem höchsten Berg von São Paulo, auf dem gewaltige Fernmeldemasten stehen, bietet sich ein eindrucksvoller Blick auf die größte Stadt Lateinamerikas: ein dichter Betonwald von Apartment- und Bürohochhäusern so weit das Auge reicht, an dessen Rändern sich ringsum die Favelas wie niedriges Strauchwerk aus Backstein klammern.

          Es gibt in Jaraguá aber noch ein anderes Armenviertel, das sich schon auf den ersten Blick von den herkömmlichen Favelas unterscheidet: Statt dichtgedrängten Häusern aus unverputztem Backstein und mit Flachdächern aus Beton gibt es hier Hütten aus groben Holzbrettern mit Wellblechdach. Direkt an der Hundeaussetzstelle von São Paulo liegt Brasiliens kleinstes Reservat für Indigene. Rund 130 Familien vom Stamm der Guaraní leben hier auf einem Territorium von gerade einmal 1,7 Hektar, das entspricht der Fläche von zwei Fußballfeldern regulärer Größe (der Bolzplatz der Guaraní mit den selbstgezimmerten schiefen Toren ist natürlich viel kleiner). Mehr als die Hälfte der insgesamt 700 Guaraní von Jaraguá sind Kinder. Die ersten Guaraní hatten sich hier wieder um 1950 niedergelassen, sie sind aus dem entfernteren Hinterland von São Paulo zurück an den Pico de Jaraguá gewandert, wo es im damals noch ländlichen Weichbild der Metropole viele Quellen und überhaupt sauberes Wasser und saubere Luft gab. Der Pico do Jaraguá, den die Guaraní „leuchtenden Stein“ nennen, spielt als heiliger Berg in der Wahrnehmung ihrer natürlichen Umgebung eine zentrale Rolle.

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