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Kriminalität in Amerika : In Chicago explodiert die Gewalt

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Spuren einer langen Nacht: Auf einer Straße in Chicago hat die Polizei Patronenhülsen sichergestellt. Bild: SAM HODGSON/The New York Times/R

Allein in diesem Jahr wurden in Chicago mehr als 3000 Menschen durch Schusswaffen verletzt oder gar getötet. Donald Trump und Hillary Clinton versuchen längst, die täglichen Horrormeldungen für sich zu nutzen, mit Sicherheit auch in ihrem ersten TV-Duell.

          Montags ist die Lektüre der „Chicago Tribune“ besonders deprimierend, dann erscheint der Polizeibericht vom Wochenende. Lange haben die Redakteure versucht, jedem einzelnen Opfer einer Schießerei einen ausführlichen Artikel zu widmen, Angehörige zu Wort kommen zu lassen, den Tathergang ordentlich zu schildern, Erkenntnisse der Ermittler zusammenzufassen und den Tatverdächtigen zu beschreiben. Doch irgendwann im Lauf des Sommers wurde die Chronistenpflicht auf einen praktikablen Minimalismus zurückgestutzt. Seitdem fasst üblicherweise ein knapper Bericht die Schusswechsel des Wochenendes stichpunktartig zusammen: Wo und wann? Alter des Opfers? Tot oder nur schwer verletzt? Zahl der Kugeln? Die Eckdaten der Exzesse gibt’s immer montags im kompakten Überblick. So ist das jetzt in Chicago.

          Was soll man auch machen bei 3000 Verletzten und Getöteten von Schusswaffen in diesem Jahr? Kaum jemand will noch Tag für Tag Geschichten lesen, die sich endlos zu wiederholen scheinen, die immer nach demselben Muster aus Wut und Willkür, Rache oder Raublust gestrickt sind. Da hat mal wieder irgendeiner auf irgendwen geschossen, aus einem Grund, den keiner kennt und keiner versteht, das Opfer hatte Glück oder Pech, der Täter ist selten zu fassen, die Zeugen schweigen lieber, die Polizei ist ratlos. Chicago hat in den vergangenen Monaten die schlimmste Eskalation der Gewalt seit Jahrzehnten erlebt.

          Abstumpfung der lokalen Öffentlichkeit

          Die Abstumpfung der lokalen Öffentlichkeit ist ein unausweichlicher Nebeneffekt der ungeheuren Zahl von Schusswechseln; auch menschliche Betroffenheit ist den Gesetzen der Inflation unterworfen. „Die Straßen sind verloren. Aus diesem Kugelhagel kommen wir nicht mehr heraus“, sagt der Chef der Polizeigewerkschaft in Chicago, Dean Angelo. Und genauso fatalistisch und verzweifelt, wie es klingt, meint er es auch.

          Warum gerade Chicago? Und warum gerade jetzt? Darüber wird seit Wochen überall in den Vereinigten Staaten debattiert, Politiker und Soziologen melden sich zu Wort, Leitartikler, Lobbyisten und Sozialarbeiter. Einig sind sich alle nur darin, dass Chicago ein Sonderfall ist und eine Entwicklung erlebt, die es in vergleichbarem Ausmaß derzeit nirgends in Amerika gibt. Andererseits kann kein vernünftiger Mensch von einer zufälligen Häufung ausgehen.

          Hoher Blutzoll: 2016 sind in Chicago über 3000 Menschen durch Schusswaffen  getötet worden.

          Dafür spricht die Kriminalitätsstatistik eine allzu eindeutige Sprache: Schon in den ersten neun Monaten des Jahres 2016 sind in Chicago mehr als fünfhundert Menschen umgebracht worden, die allermeisten wurden Opfer einer Schießerei auf offener Straße. Damit gab es in Chicago in diesem Jahr mehr Tötungsdelikte als in New York und Los Angeles zusammen – und dabei leben in den beiden größten amerikanischen Städten viermal so viele Menschen wie in Chicago. Allein im August gab es in Chicago 92 Tötungsdelikte, im Durchschnitt drei am Tag. Vor einem Jahr waren es fünfzig, übers Jahr gesehen, hat sich die Zahl der Tötungsdelikte also fast verdoppelt. Dabei gehen Schießereien auf der Autobahn, der Schusswaffengebrauch durch die Polizei und vorläufig ungeklärte Todesursachen noch nicht einmal in diese Statistik ein.

          Auch die Zahl der Schießereien hat sich innerhalb der vergangenen zwölf Monate drastisch erhöht von 309 im August vorigen Jahres auf 472 in diesem August. Die allermeisten Schießereien finden in fünf Stadtbezirken im Westen und Süden statt, in allen anderen Bezirken sinkt die Kriminalität. Etwa 80 Prozent der Täter wie auch der Opfer sind Afroamerikaner. Die lokalen Medien bieten inzwischen Echtzeitinformationen über die neuesten Schießereien direkt als Nachricht fürs Smartphone an, so dass man die Route für den Heimweg oder die abendlichen Ausgehpläne ständig der Nachrichtenlage anpassen und gefährliche Gegenden meiden kann. Die Smartphones all derer, die das Angebot nutzen, brummten am ersten Septemberwochenende besonders oft: 65 Personen wurden von Kugeln getroffen, für dreizehn von ihnen kam jede Hilfe zu spät.

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