https://www.faz.net/-gq5-8lqk4

Kriminalität in Amerika : In Chicago explodiert die Gewalt

  • -Aktualisiert am

Auch FBI-Chef James Comey beklagt den mutmaßlichen „Ferguson-Effekt“. Die Polizei sei nicht mehr so aggressiv, weil sie fürchte, dass Videoaufnahmen ihres Einsatzes, die heute jeder Passant mit dem Smartphone machen kann, später zu ihrer öffentlichen Bloßstellung, wenn nicht gar zu einer förmlichen Untersuchung gegen sie führen. Das müsste aber, wenn es stimmt, überall in den Vereinigten Staaten gelten. In Chicago kommt nur insofern eine Besonderheit hinzu, als Bürgermeister Rahm Emanuel, früher einer der engsten Vertrauten von Barack Obama, der Polizei seiner Stadt öffentlich Rassismus vorgeworfen und sie angewiesen hat, Fußgänger und Autofahrer nur noch zu kontrollieren, wenn ein eindeutiger Verdacht auf eine Straftat besteht. Aber was ist an einem Verdacht schon eindeutig? Rahms Weisung hat jedenfalls Wirkung gezeigt. Die Zahl der Fälle, in denen Polizisten einen Fußgänger kontrollierten, ist in diesem Jahr noch einmal um 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

Chicagoer Polizisten nehmen den angeschossenen Paul O’Neal fest, nachdem er in einem geraubten Auto angeschossen und durch einen Garten geflüchtet war. O’Neal starb später an seinen Verletzungen.

Der Polizeichef weist aber alle Vorwürfe zurück und verweist auf die steigenden Zahlen von Festnahmen nach Gewalttaten. „Wir leisten unseren Teil und haben mehr Täter und Tatverdächtige festgenommen als vor einem Jahr“, sagt Eddie Johnson, der selbst Afroamerikaner ist und von Rahm wohl auch deshalb als Polizeichef ausgewählt wurde, weil er das schwierige Verhältnis der Polizei zu den Schwarzen entspannen sollte, „aber wir brauchen Hilfe, diejenigen, die illegal eine Waffe benutzt haben, auch wirklich für lange Zeit wegzusperren.“ Im Staat New York etwa wird der illegale Gebrauch einer Waffe mit einer Mindeststrafe von dreieinhalb Jahren bestraft. Vergleichbar harsche Gesetze gibt es in Chicago nicht, was Johnson für einen Fehler hält. Von den Tatverdächtigen bei Tötungsdelikten vergangenen Jahr hatten vierzig Prozent schon eine Vorstrafe wegen illegalen Waffenbesitzes. Das zeigte eine Untersuchung seiner Behörde. „Für manche Leute, ich schätze, wir haben etwa 1400 davon in Chicago, ist das der Lebensinhalt, mit einer Waffe herumzulaufen und zu schießen.“

Auch die beiden Präsidentschaftskandidaten versuchen, aus der dramatischen Lage in Chicago Kapital zu schlagen. Dabei geht es weniger um die Stimmen in Chicago oder im Bundesstaat Illinois – dort kann sich Hillary Clinton ohnehin auf einen klaren Wahlsieg verlassen. Aber die täglichen Horrormeldungen nutzen beide Kandidaten für ihre Wahlkampfstrategie. Clinton betont in jeder Rede, dass sie sich für schärfere Waffengesetze einsetzen will und den Kampf gegen die Diskriminierung von Schwarzen durch weiße Polizisten zu einem Schwerpunkt ihrer Innenpolitik machen will. Donald Trump dagegen nutzt die Nachrichten aus Chicago, um die traditionelle Bindung der Schwarzen an die Demokratische Partei in Frage zu stellen: „Die Demokraten haben die Afroamerikaner im Stich gelassen. Ihre Politik hat nur noch mehr Kriminalität und Armut in die afroamerikanische Gemeinschaft getragen. Die Polizei in Chicago muss endlich hart durchgreifen.“

Polizeichef Eddie Johnson, dem der Bürgermeister in dieser Woche tausend zusätzliche Polizisten versprach, hat sich Trumps Kommentare verbeten. Besserwisserei aus Washington, sagte er, helfe nicht. Vielmehr brauche er handfeste Unterstützung der Politik, neue Gesetze und politische Rückendeckung für seine Polizisten. Eine einfache Lösung gebe es nicht: „Wenn jemand die goldene Kugel hat, mit der man dieses Problem löst, der soll sich bei mir melden.“ Dass er damit eine Waffen-Metapher wählte, war ihm vermutlich nicht einmal bewusst.

Weitere Themen

Im Smarthome auf Verbrecherjagd? Video-Seite öffnen

Innenministerkonferenz : Im Smarthome auf Verbrecherjagd?

Der Nutzung von Alexa oder Siri zur Überwachung Verdächtiger hat die Innenministerkonferenz in Kiel eine Absage erteilt. Andere Themen der Konferenz waren unter anderem die Bekämpfung der Clan-Kriminalität und des Kindesmissbrauchs.

Topmeldungen

5G-Netz verbraucht Energie : Daten fressen Strom

Der gefühlte digitale Wohlstand wächst weiter, und er wächst exponentiell. Doch was passiert, wenn Big Data mit dem neuen Mobilfunknetz 5G zum Stromfresser wird?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.