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Kriminalität in Amerika : In Chicago explodiert die Gewalt

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Nicht nur die Aufklärungsquote ist gering, auch die Motive bleiben in den meisten Fällen im Dunkeln. Zwar ist der Schusswechsel oft Teil eines Raubüberfalls, eines Einbruchs oder einer Auseinandersetzung, aber nicht selten ist die Schießerei auch wahllos. Im Telegrammstil der „Chicago Tribune“ liest sich das so: „8.25h, 16-jähriger Junge wurde von zwei Kugeln getroffen, als er zusammen mit einem Elfjährigen in ein Haus in der South Rhodes Avenue einbrach und vom Eigentümer überrascht wurde. 13.30h, ein Mann Ende dreißig wurde auf dem Bordstein der South Knox Avenue angeschossen. Zustand stabil. 15.50h, zwei siebzehn Jahre alte Jungen meldeten sich mit Schussverletzungen im Mount Sinai Hospital. Zur Ursache machen sie keine Aussage. 17h, ein Neunzehnjähriger stand auf dem Bürgersteig in der South Sawyer Avenue, als er zweimal von einem vorbeilaufenden Mann angeschossen wurde. 20.30h, ein sechzehn Jahre alter Junge wurde von einer Kugel in die rechte Schulter getroffen, nachdem er an mehreren Jugendlichen vorbeigelaufen war. Zustand stabil. 18.10h, eine Neunzehnjährige, im neunten Monat schwanger, wurde von einer Kugel aus einem vorbeifahrenden Auto in der South Marquette Street getroffen. Im Northeast Memorial Hospital wurde ihr Tod festgestellt. Ihr Freund wurde ebenfalls getroffen und ist in kritischem Zustand.“ Und so gehen die Berichte täglich weiter, ein Logbuch sinnloser Gewalt.

Verstärkung: Leiter der Chicago Polizei Eddie Johnson verspricht 1000 Polizisten mehr im Einsatz.

Die politischen Reflexe führen zu den für inneramerikanische Debatten üblichen Deutungen je nach ideologischer Position: Die einen meinen, die Waffengesetze müssten verschärft werden, die anderen fordern die Härte des Gesetzes und längere Gefängnisstrafen, wieder andere sind sich sicher, dass die Armut die Wurzel der Gewalt ist, und manche meinen auch, dass ein latenter Rassismus der amerikanischen Gesellschaft viele Schwarze hoffnungslos und aggessiv macht. An all dem mag etwas Wahres dran sein, doch alle diese Deutungen beschreiben nur mögliche Ursachen, die überall in den Vereinigten Staaten oder doch jedenfalls in den großen Städten gelten müssten: in Miami und Washington, Atlanta, Detroit und New Orleans. Schon deshalb sind die Erklärungsversuche zum Scheitern verurteilt.

Wenig Vertrauen. Proteste in Charlotte prangern Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung an.

Eddie Johnson, der Polizeichef von Chicago, meint, dass sich in seiner Stadt unselige Trends auf tragische Weise verbinden: steigende Bandenkriminalität, Kämpfe konkurrierender Gangs, Drogendelikte, gespannte Beziehungen zwischen schwarzer Bevölkerung und weißen Polizisten, die Verzweiflung in den Gettos. „Wenn jemand keine Hoffnung mehr hat“, sagt Johnson, „ist er schnell bereit, eine Waffe in die Hand zu nehmen und etwas Verrücktes zu tun. Die Probleme, die wir hier haben, sind keine Polizeiprobleme, sondern gesellschaftliche Probleme. Nur die Gesellschaft kann sie lösen.“

Mutmaßlicher „Ferguson-Effekt“

Keine Polizeiprobleme? Das sieht Dean Angelo, der Chef der Polizeigewerkschaft, ganz anders. Er spricht von einem „Ferguson-Effekt“ und spielt damit auf den Tod des unbewaffneten Schwarzen Michael Brown durch Schüsse eines weißen Polizisten im Sommer 2014 an. Der Fall hatte zu Ausschreitungen und Protesten überall im Land geführt. Seither, so Angelo, fürchteten viele Polizisten, nach einem Einsatz öffentlich an den Pranger gestellt zu werden: „Unsere Cops fahren jetzt lieber vorbei, statt auszusteigen. Viele haben Angst, dass ihnen später Rassismus vorgeworfen wird, weil sie einen Schwarzen angehalten haben.“

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