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Homosexualität und IS : Auf teuflischen Wegen

Szenen, von denen Homosexuelle in den Gebieten des IS nur träumen können: Im Juni 2015 legalisierte der Oberste Gerichtshof in den Vereinigten Staaten die Homo-Ehe. Bild: AFP

In den Gebieten des „Islamischen Staats“ steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Doch die Terroristen verstricken sich in Widersprüche – wie auch ihr Anhänger Omar Mateen, der in einem Schwulenclub in Orlando 49 Menschen erschoss.

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          Unten wartet die Menge. Zuerst wird der Mann vom Dach des Gebäudes geworfen. Nach dem Aufschlag wird er umkreist und bis zum Tode gesteinigt. Solche auf Fotos und Videos verbreiteten Szenen zeigen, dass im Reich des „Islamischen Staates“ (IS) immer wieder Menschen auf diese Weise ermordet werden als Strafe für Homosexualität. Auch das Massaker in einem Schwulen- und Lesbenclub im amerikanischen Orlando am Sonntag nahm der IS für sich in Anspruch.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Propaganda der Dschihadisten liefert dafür ausführliche Rechtfertigungen: Der Prophet habe schon dazu aufgerufen, die Verbreitung „sexueller Perversionen“ zu unterbinden, heißt es etwa in einer Ausgabe der IS-Zeitschrift „Dabiq“ von Anfang 2015. Von einer „Abwärtsspirale sexuellen Fehlverhaltens im Westen“ als Folge der sexuellen Revolution ist dort die Rede. Von „teuflischen Wegen“, die Bedürfnisse zu befriedigen. Der Westen, der sogar Homo-Ehen erlaube und Homophobie in Schulbüchern bekämpfe, habe sich auf diese Weise Krankheiten wie Aids eingebracht. Aber der IS setze Gottes Gesetz durch, auf dass die Muslime nicht auf einen solchen verkommenen Pfad gelangten.

          Besessen von der Homophobie

          „Der IS ist besessen von der Verfolgung Homosexueller und auch von Hexerei“, sagt der Dschihadismusexperte und Politikwissenschaftler Asiem el Difraoui von der Berliner Denkfabrik Candid Foundation. „Die öffentlichen Ermordungen werden als Spektakel inszeniert.“ Der IS demonstriere auf diese Weise, dass er seine Vorstellung der Scharia radikal durchsetzt.

          Für Homosexuelle, die unter dem IS-Regime leben, bedeutet diese Besessenheit ein Leben in Angst. Nach Berichten geflohener Männer trainieren sich Homosexuelle einen maskulineren Gang an, während Dschihadisten ihre Internetforen infiltrieren. Die Nusra-Front, die in Syrien unter dem Banner von Al Qaida kämpft, habe diese Besessenheit nicht in diesem Maße, sagt Difraoui. Auch deren Propaganda prangere die angebliche Verkommenheit des Westens an, aber die versucht sich eher, der Bevölkerung als syrische Befreiungsbewegung gegen das Assad-Regime darzustellen.

          Das grausame Spiel mit Themen wie Sexualität scheint dem IS bei der Rekrutierung zu helfen. Psychologen, die europäische IS-Dschihadisten betreuen, stoßen immer wieder auf Rekruten, die Minderwertigkeitskomplexe oder andere Probleme mit ihrer Sexualität haben. Entsprechend anziehend dürften Videos mit jesidischen Sexsklavinnen wirken.

          Ähnlich verhält es sich mit Themen wie Hexerei, Geistern und Dämonen, mit deren Hilfe junge Islamisten enger an die Gedankenwelt des IS gebunden werden. Terrorexperten sind Fälle von Selbsthass untergekommen, in denen homosexuelle Islamisten den bösen Geist durch Exorzismus zu vertreiben versuchten, dem sie die Schuld für ihre Bedürfnisse gaben. „Es gibt Augenzeugenberichte, nach denen der IS gegenüber Homosexualität in den eigenen Reihen etwas toleranter ist“, sagt Asiem el Difraoui. Durch die öffentlichen Ermordungen versuche er indessen, Sympathien in den arabischen Gesellschaften zu erheischen, in denen Homophobie weit verbreitet ist.

          Hingerichtet als „Sodomit“, gepriesen als „Knabenliebe“

          Dabei ergibt sich aus dem Koran und den überlieferten Prophetensprüchen ein ambivalentes Bild.Das Volk Sodoms wird zwar laut Koran für homoerotische Begierden von Gott bestraft. Und auch der Prophet Mohammed soll die Hinrichtung von „Sodomiten“ verfügt haben, wie Homosexuelle in der IS-Propaganda genannt werden. Zugleich wird aber aus Überlieferungen deutlich, dass sich Mohammed der Anziehungskraft junger Männer bewusst war. Viele arabische Dichter priesen die „Knabenliebe“.

          Dass am Donnerstag auf den Twitter-Accounts zahlreicher IS-Anhänger für Toleranz geworben wurde und das Regenbogenbanner der Homosexuellenbewegung prangte, lag nicht daran, dass sich die Dschihadisten dieser Widersprüchlichkeit plötzlich bewusst geworden wären. Das war das Werk des Hackers Wauchula Ghost aus der Anonymous-Gruppe.

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