https://www.faz.net/-gq5-7vhkc

Anschläge in Kanada : Schatten in einem offenen Land

Ehrung für die ermordete Ehrenwache: Premierminister Harper und seine Frau legen Blumen vor dem Kriegerdenkmal nieder Bild: Reuters

Die Terroranschläge von Ottawa und Montreal stellen das Selbstbild einer ganzen Nation auf die Probe. Angst geht um, dass nun Jagd auf Uniformträger gemacht wird, denn Kanada beteiligt sich am Kampf gegen den „Islamischen Staat“.

          6 Min.

          Das Parlament von Kanada wurde auf einem grünen Hügel gebaut: eine demokratische Gralsburg, isoliert und zugänglich zugleich. Die neogotische Anlage ist, wie man im Zeitungslayout von Bildern ohne Rahmen sagt, freigestellt. Das zackige Phantasieprodukt hebt sich vom freien Himmel ab, kein Nachbargebäude schiebt sich ins Bild. Auf einen Blick ist hier zu sehen, dass der Parlamentarismus von Westminster nach Ottawa verpflanzt worden ist. Doch im Gegensatz zu London ist die Hauptstadt Ottawa kein Ergebnis jahrhundertelanger städtebaulicher Verdichtung. Das kanadische Parlament steht für sich. Es ist Emblem einer abgeleiteten Souveränität.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ottawa ist im riesigen Kanada nicht besonders beliebt, aber auch kein Gegenstand besonderen Misstrauens. Ins Regierungsviertel ergießen sich keine Besucherströme. Aber auch die Kanadier, die den Parlamentshügel noch nie betreten haben, wissen zu schätzen, dass sie das Recht zum jederzeitigen Zutritt genießen. Das politische Selbstbewusstsein der Kanadier hat einen egalitären Zug. Sie möchten sich sowohl von der aristokratischen Tradition des Mutterlandes absetzen, als auch von der Vorherrschaft des Geldes im republikanischen Nachbarstaat im Süden. Das Attentat vom Mittwoch stellt dieses Selbstbild auf die Probe.

          In seiner Ansprache an die Nation bewertete der konservative Premierminister Stephen Harper die Schüsse im Parlamentsgebäude als einen Anschlag auf die kanadischen Werte. Dieser Einschätzung dürften die Kanadier parteiübergreifend zustimmen, und zwar genau deshalb, weil der Eindringling einen dieser Grundwerte tückisch ausnutzte: den Willen zur Offenheit. Für Privatautos ist der Parlamentsvorplatz gesperrt, seit im September 1996 schon einmal ein Mann vorfuhr und Angehörige der berittenen Polizei angriff. Aber Fußgänger durften bislang unkontrolliert ein- und ausgehen. Der Bürger soll nicht davon abgehalten werden, spontan nach dem Rechten zu sehen. Naiv war diese Politik der offenen Tür nicht. Als die Regierung vor vier Jahren den Einbau einer neuen Sicherheitsanlage im Parlamentskomplex ausschrieb, gab sie einen Bedarf von dreitausend Videokameras, 1500 Alarmknöpfen und dreitausend Bewegungsmeldern an. Der ungehinderte Zugang zum Parlament hat einen symbolischen Sinn, den der Staat sich etwas kosten lässt. Man wird in den nächsten Tagen oft die Forderung hören, nun erst recht an dem Prinzip festzuhalten, dass das Parlament nicht nur öffentlich tagt, sondern öffentlich existiert.

          Angriff auf das Innerste: Im Fraktionssaal der Konservativen Partei während des Angriffs
          Angriff auf das Innerste: Im Fraktionssaal der Konservativen Partei während des Angriffs : Bild: Reuters

          Solange noch nicht feststand, ob mit der Erschießung des Schützen die akute Gefahr tatsächlich beseitigt war, nahmen die Behörden am Mittwoch auf symbolische Belange keine Rücksicht. Bevor der Mann mit dem Gewehr den Marsch aufs Parlament antrat, hatte er um 9.52 Uhr einen Soldaten erschossen, der vor dem Nationalen Kriegerdenkmal Wache hielt. Korporal Nathan Cirillo, ein Reservist aus Hamilton, Ontario, trug ein Gewehr, doch diese Waffe war vorschriftsgemäß nicht geladen. Das Denkmal steht auf einer Verkehrsinsel südwestlich des Parlamentsareals. Es wurde 1938 für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet, die durch eine Gruppe von 23 Bronzestatuen vertreten werden. Im Jahre 2000 wurde Kanadas 1917 in Frankreich gefallener unbekannter Soldat hier beigesetzt. Heute erinnert das Denkmal an die Gefallenen aller Kriege, an denen Kanada beteiligt war. Im Mai ordnete Premierminister Harper an, in den Granit die Jahreszahlen 2003 und 2013 einzumeißeln, in Erinnerung an den kanadischen Beitrag zum Afghanistan-Krieg.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ruth Bader Ginsburgs Tod : Eine Katastrophe für Joe Biden

          Bestätigen die Republikaner noch vor der Wahl einen neuen Richter, verändern sie das Land auf lange Zeit. Warten sie ab, spornen sie konservative Trump-Kritiker zu dessen Wiederwahl an. Und damit enden die Sorgen der Demokraten noch nicht.
          Lieber mit nach Hause nehmen: Auffällig viele Anleger ließen sich im August ihr Gold aus Xetra-Gold-Wertpapieren ausliefern.

          Angst vor Abgeltungsteuer : Flucht aus dem Papiergold

          Während im August in aller Welt viel Geld in Gold-Wertpapiere floss, zogen deutsche Anleger ihr Erspartes ab. Als Grund dürfte die mittlerweile beendete Debatte um eine Goldsteuer eine Rolle gespielt haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.