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Hillary Clintons E-Mail-Affäre : Benghasi, Yoga und die Hochzeit von Chelsea

  • -Aktualisiert am

Hillary Clinton sieht als Grund für die Angriffe auch Frauenfeindlichkeit. Bild: AP

Hillary Clinton fühlt sich unfair behandelt. Auch nachdem sie 55.000 Seiten E-Mails an das Außenministerium gesandt hat, ist der Wirbel um die fehlende Trennung von dienstlichen und privaten Nachrichten nicht vorbei.

          Drunter macht sie es nicht. In der Lobby des UN-Sicherheitsrats, vor Picassos Darstellung des Gemetzels von Guernica, an dem Pult, an dem sich sonst Botschafter zu Weltkrisen äußern, erklärt Hillary Clinton, dass sie zu bequem gewesen sei, um parallel zwei Smartphones zu benutzen. Vorige Woche war enthüllt worden, dass sie als Außenministerin nur ihre private E-Mail-Adresse benutzt hatte. Der Regel, dass alle Dienstkorrespondenz archiviert werden müsse, hatte sie erst kürzlich Genüge getan.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Jedenfalls behauptet sie, dass die rund 55.000 Seiten, die sie für das Ministerium ausdrucken ließ, alle ihre Dienstgeschäfte auch nur streifenden E-Mails enthalten. „Rückblickend“, sagt Clinton, „wäre es klüger gewesen, ich hätte getrennte E-Mail-Konten benutzt.“ Auch wenn die unerklärte, mangels Konkurrenz aber unangefochtene Präsidentschaftskandidatin der Demokraten ihren Gesichtsmuskeln alle paar Sätze ein Strahlen befiehlt, ist ihr Unmut spürbar. Wie schon so oft als First Lady, Senatorin, Kandidatin und Ministerin fühlt sie sich unfair behandelt: Minister, die dienstliche und private E-Mails trennten, müssten Letztere doch auch nicht offenlegen, sagt sie.

          Die Republikaner, die immer noch die Umstände des Anschlags im libyschen Benghasi im Jahr 2012 untersuchen und in der E-Mail-Affäre Morgenluft wittern, legten zweierlei Maß an, sagt Clinton. Einige fordern schon eine kriminaltechnische Untersuchung des Servers im Haus der Clintons, um Belastendes aufzuspüren. Die bedrängte Politikerin versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und ihre private Seite herauszukehren, wie es ihre Berater ihr aufgetragen haben: E-Mails über die Hochzeit ihrer Tochter, den Tod ihrer Mutter oder ihre Yoga-Übungen müsse die Öffentlichkeit doch nicht zu sehen bekommen, sagt Clinton vor dem Saal des UN-Sicherheitsrats. Alle Dienst-Mails aber sollen publik gemacht werden.

          Manche Frage bleibt unbeantwortet. Vor allem Zweifel an der Sicherheit der E-Mails lassen sich kaum mit dem Hinweis ausräumen, dass der Server für den früheren Präsidenten Bill Clinton eingerichtet worden sei, der in einem vom Geheimdienst bewachten Haus stehe und nie gehackt worden sei. Unklar bleibt auch, warum Clinton andere Auskünfte nicht schon vorige Woche erteilte, als sich das Gewitter zusammenbraute. Etwa, dass sie ungefähr jede zweite von 62.320 in ihrer Amtszeit verschickten E-Mails als „potentiell dienstlich“ eingestuft hat. Oder, dass sie nie Geheimes gemailt und, abgesehen von einem Briten, nie mit Vertretern fremder Regierungen elektronisch kommuniziert habe. Ihr Schweigen goss Wasser auf die Mühlen derer, die ihr Heimlichtuerei unterstellen.

          Vertrauen auf die politische Urteilskraft der Amerikaner

          Im UN-Hauptquartier war Clinton, weil sie eine Rede zu Frauenrechten hielt - zwanzig Jahre nach ihrem Auftritt auf einer UN-Konferenz in Peking, wo sie mit der Gleichung Furore gemacht hatte, Frauenrechte seien Menschenrechte. Anders als beim ersten Versuch 2008 ist Clinton entschlossen, im Kampf ums Weiße Haus die Frauenkarte auszuspielen. Doch dafür interessiert sich am Dienstag keiner der Reporter, die einige Déjà-vus erlebten. Schon als sich Bill Clinton 1992 in den Wahlkampf stürzte, fungierte seine juristisch geschulte Frau informell als Leiterin seines „Defense Departments“: Sie wachte über angeblich 2000 Kartons voller Privatdokumente und reagierte auf die Vorwürfe über das Liebesleben und Geschäftsgebaren ihres Mannes mit Abschottung und Gegenangriffen.

          1994 (als sie ihre enormen Spekulationsgewinne im Viehhandel zu erklären hatte) gab sie zu, dass sie das „Recht der Presse und der Öffentlichkeit, Dinge über meinen Mann und mich zu erfahren, vielleicht unterschätzt habe“. Doch zu Beginn der Sexaffäre um die Praktikantin Monica Lewinsky witterte sie wieder eine „rechte Verschwörung“. Noch vor kurzem ließ sie erkennen, dass sie in den meisten Attacken politischer Gegner auch Frauenfeindlichkeit mitschwingen sieht.

          Ein gutes Verhältnis zu Journalisten hatte Clinton allenfalls als Außenministerin: Das Pressecorps im State Department war mehr an Diplomatie interessiert, und Clinton vergalt es den mitreisenden Reportern mit ungekannter Nähe. Wenn das Ministerium bald ihre Mails veröffentlicht, dürften sich darin auch Geburtstagsgrüße an die Korrespondenten großer Medien finden. Doch längst dominiert der Argwohn wieder Clintons Verhältnis zur Presse. Sie vertraue aber, sagte sie am Dienstag, der politischen Urteilskraft der Amerikaner.

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