https://www.faz.net/-gq5-821xs

Hillary Clinton vor Kandidatur : Großmutter, bitte übernehmen Sie!

Hillary Clinton beim Besuch eines Kindergartens in Brooklyn Anfang April: Eine sehr erfahrene Kandidatin Bild: Reuters

Hillary Clinton wird am Sonntag wohl ihre Präsidentschaftskandidatur verkünden. Nicht nur die veränderte Demografie könnte ihr den Weg in das Weiße Haus ebnen. Die Vereinigten Staaten sind zwar reif für eine Frau als Präsidentin. Womöglich aber wollen die Amerikaner auch einen wirklichen Wandel.

          Hillary Rodham Clinton ist eine 67 Jahre alte Politikerin, die Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden will. Am Sonntag wird man sie vermutlich live im Internet sehen können, wenn sie den Amerikanern erklärt, dass sie kandidieren wird und warum. Die Begründung ist bisher noch etwas unklar geblieben. Die Spekulation ist, dass sie einen bescheidenden Auftritt hinlegen wird, womöglich wird ihre Enkelin im Bild auftauchen, der menschlichen Note wegen. Wichtig wird ihr der Kontrast zu den Auftritten der republikanischen Kandidaten sein, deren Veranstaltungen eher wie patriotische Erweckungspredigten wirken.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Clinton wird dann das erste Mitglied der Demokraten sein, das sich herausgewagt hat. Mit Ted Cruz und Rand Paul sind schon zwei größere Kaliber der Republikaner im Rennen, am Montag folgt dann Mark Rubio. Ein paar Demokraten scharren noch mit den Hufen, der Vizepräsident Joe Biden, ein früherer Senator aus Virginia, ein früherer Gouverneur aus Maryland, aber ihre  Kampagnen haben nicht so richtig Fahrt aufgenommen.

          Politisch interessierte Leute, die man hier in Washington spricht, sagen ohne sonderliche Erregung, Clinton könnte Präsidentin werden. Sie kennen die Kalkulationen, mit der politische Berater beeindruckend selbstgewiss durch die Talkshows ziehen. Die erste lautet: Amerika ist reif für eine Frau als Präsidentin. 53 Prozent der Wähler sind schließlich weiblich, Frauen neigen eher den Demokraten zu. Und als Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen ist Hillary Clinton glaubwürdig und konsistent.

          Eine Herausforderung erster Güte

          Die veränderte Demografie in diesem Land spielt der Politikerin womöglich ebenfalls in die Hände. Minderheiten wählen eher demokratisch, wenn sie denn wählen. Sie muss nur die Schwarzen, die vor allem 2008  beseelt die Macht ihrer Stimme gespürt haben, als sie Barack Obama ins Weiße Haus hievten, aus ihren Polstergarnituren herauslocken. Das könnte allerdings schon eine Herausforderung erste Güte werden. Denn für die Schwarzen sind die Lebensumstände  in den sieben Jahren, in denen ihr Mann im Weißen Haus regiert, nicht so entscheidend  besser geworden. Warum sollen sie sich noch einmal der Anstrengung aussetzen, sich als Wähler registrieren zu lassen?

          Nicht ohne Grund versucht die republikanische Partei, die Hürden für die Wahlberechtigung in vielen Teilen des Landes anzuheben. Eine noch größere Chance bieten Einwandererfamilien aus Lateinamerika, die fürchten müssen, dass ein republikanischer Präsident die Einwanderung verschärft und Illegale abschiebt. Junge Leute fühlen sich ebenfalls bei demokratischen Kandidaten heimischer.

          Das sind alles ziemlich naheliegende Erwägungen, die ihre Plausibilität beanspruchen können, bis einer kommt, der in seine Reden plötzlich das Lebensgefühl der Menschen am besten trifft und sie auch noch mitzureißen versteht. Barack Obama war so ein unwahrscheinlicher Kandidat, als er 2008 in den Vorwahlen für seine erste Präsidentschaftskandidatur die vom Establishment gesetzte Kandidatin Hillary Clinton hinter sich ließ mit seiner mit seiner Botschaft des Wandels, der Machbarkeit  und der Überwindung der Zerrissenheit. Sieben Jahre später wirkt Amerika manchmal wie ein unglückliches Land und die Leute wollen womöglich wieder einen Wandel.

          Noch ist nicht erkennbar, dass die Hillary Clinton von 2015 auf dieses neue durch eine schwere Wirtschaftskrise und bittere Kriege geprägte Stimmungslage einzugehen versteht. Sie hat das Image einer super-intelligenten, spröden Politikerin, doch Leute, die sie näher kennen, mögen sie gern wegen ihres Idealismus und vor allem wegen ihres Humors.

          Der wird gewissen Belastungen ausgesetzt werden, wenn die Dämonisierungsversuche beginnen, die inzwischen offenbar zum ganz normalen Kampagnengeschäft gehören.

          Der Republikaner Rand Paul versucht es schon, indem er ihre Ehrlichkeit in Zweifel zieht und als Figur des versumpften Washingtons zu deklassieren trachtet. Die E Mail-Affäre werden die Gegner solange frisch halten, wie gerade noch möglich. Als Außenministerin hatte Clinton die E-Mails über eine private Adresse laufen lassen und eine Menge gelöscht. Das ist nicht ganz Watergate, aber die Gegner werden nicht ruhen. Geld wird in diesem Wahlkampf eine besonders wichtige Rolle spielen. Da muss man allerdings nicht allzu besorgt sein.

          Die Clintons sind große Spendensammler. Das müssen sie allerdings auch sein für den Sieg. Der republikanische Spitzenkandidat wird bestens ausgestattet mit dem Geld konservativer Milliardäre in die Kampagne ziehen. Die andere Frage ist, ob Amerika, zu dessen nationaler Identität die Ablehnung ererbter Privilegien steht, noch einen Clinton akzeptiert.

          Sie weiß, was auf sie zukommt

          Es würde allerdings eine sehr erfahrene Kandidatin bekommen. Als frühere First Lady, die sogar ein Amtsenthebungsverfahren miterleben musste, als Außenministerin, als langjährige politische Aktivistin ist Clinton auf alles vorbereitet, was das Amt verlangt, aber auch auf das Schlimmste.

          Ihre eigenen Erlebnisse den Jahren im Weißen Haus und die feindselige Obstruktion, die die republikanische Mehrheit im Kongress dem aktuellen Präsidenten zuteil werden lässt, halten sie nicht ab, Präsidentin werden zu wollen. Sie weiß, was auf sie zukommt. Das kann keiner mit so viel Überzeugungskraft sagen wie sie.

          Weitere Themen

          Trump droht mit Gegenschlag Video-Seite öffnen

          Nach Angriff auf Ölindustrie : Trump droht mit Gegenschlag

          Es gebe Hinweise, dass der Iran an dem Drohnenangriff auf zwei Öl-Raffinerien in Saudi-Arabien verantwortlich sei. Der amerikanische Präsident Trump schrieb in der Nacht zum Montag auf Twitter: „Wir haben Anlass zu glauben, dass wir den Täter kennen und warten mit geladener Waffe auf die Bestätigung“.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.