https://www.faz.net/-gq5-8nuo9

Nach Tod von Fidel Castro : Havanna trauert um den „máximo líder“

Der ewige Comandante: Das Bild Fidel Castros im José-Martí-Denkmal in Havanna Bild: AFP

Viele Kubaner reisen in die Hauptstadt, um ihrem „Comandante“ die letzte Ehre zu erweisen. Doch die Jungen huldigen ihm nicht. Sie werfen ihm die Isolation ihres Landes vor.

          Guillermo Fernández ist am Montag dort gewesen, als einer der ersten, wenige Minuten nachdem um neun Uhr die 21 Salutschüsse von der Kaserne „La Cabaña“ über dem Hafen von Havanna verklungen waren. Es war eine Ehrensache für den 59 Jahre alten Taxifahrer eines Staatsbetriebs, an der Urne mit der Asche Fidel Castros im monumentalen José-Martí-Denkmal auf der „Plaza de la Revolución“ vorbei zu defilieren und dem verstorbenen „Máximo Líder“ die Reverenz zu erweisen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Er hat sich geduldig eingereiht, gleich hinter die Massen von Schülern in ihren Uniformen, die sich schon Stunden vor dem Beginn des Einlasses in das Denkmalsgebäude in der Morgensonne eingefunden hatten. „Fidel war der Vater unserer Revolution, unserer kubanischen Nation, wie wir sie kennen“, sagt Fernández. „Keiner hat ein so tiefes Verständnis gehabt von der Lage im Land und in der Welt wie er“, fährt er fort: „Er wird uns fehlen, immerdar.“

          Montag war der erste Werktag nach dem Tod des kubanischen Revolutionsführers in der Nacht zum Samstag. Doch Alltag kehrte nicht ein in der Hauptstadt und auch nicht anderswo im Land. Montag war nicht nur der dritte Tag der neuntägigen Staatstrauer, während welcher der Verkauf von Alkohol im ganzen Land untersagt bleibt, keine öffentlichen Veranstaltungen stattfinden, die Flaggen vor öffentlichen Gebäuden und Militäreinrichtungen auf halbmast bleiben und Staatsfunk und -fernsehen, in einer Endlosschleife der Propaganda, ein „informatives, patriotisches und historisches“ Programm bieten, das aus Hymnen auf das revolutionäre Lebenswerk Fidels und aus Beileidsbezeigungen aus aller Welt besteht.

          Montag war vor allem der erste Tag, an dem die sterblichen Überreste Fidels dem kubanischen Volk zugänglich gemacht wurden und damit der erste Tag der nationalen Trauermobilisierung. Seit Samstag erscheinen die wenigen Zeitungen des Landes ganz in Schwarz, ohne die rote oder blaue Schmuckfarbe. Das Parteiblatt „Granma“ titelte mit der schlichten Schlagzeile „Fidel es Cuba“ (Fidel ist Kuba), darüber eine Bildgrafik mit lauter Fidels, marschierend und mit dem Gewehr in der Hand.

          Fidel, der Virtuose der orchestrierten Massenveranstaltung

          Doch eine solche Mobilisierung durch die kommunistische Staatsführung unter Fidels jüngerem Bruder Raúl Castro hat Guillermo Fernández nicht gebraucht. Ihn führte sein Herz zum Platz der Revolution. Er war noch nie im Ausland und hat auch keine Familienmitglieder in den Vereinigten Staaten. Aber er weiß, dass die Menschen dort von Kapitalisten ausgebeutet werden, sich keine Krankenversicherung leisten können und keine anständige Bildung genießen. Fidel Castro „war einzigartig, ganz einzigartig“, sagt Fernández: „Er hat dem Imperium widerstanden.“

          An der Fassade eines Hochhauses am Rande des ausladenden Platzes war noch am Sonntag ein riesiges Foto des jungen Castro entrollt worden, das ihn in Kampfmontur und mit Tornister zeigt und in den frühen Tagen des Guerrillakrieges von 1956 bis 1958 in den Bergen der Sierra Maestra im Osten Kubas aufgenommen wurde. Von den Fassaden zweier benachbarter Ministeriumsgebäude prangen seit vielen Jahren die stilisierten Bronzeporträts von Castros früh verstorbenen Kampfgefährten Ernesto Che Guevara und Camilo Cienfuegos.

          Polizisten und Soldaten hatten am Wochenende auf den Zufahrtsstraßen zum Platz der Revolution kilometerlang Absperrgitter und auf der Plaza selbst riesige Flutlichtmasten aufgestellt. Der Strom Hunderttausender Trauernder bis Dienstagabend soll geordnet verlaufen, auch nach Einbruch der Dunkelheit. Fidel war zeitlebens ein Virtuose der orchestrierten Massenveranstaltung. Seine politischen Erben in Partei- und Staatsapparat haben dafür Sorge getragen, dass auch die Trauerfeiern nach seinem Tod einwandfrei über die Bühne gehen.

          „Ich werde nicht zu Fidels Asche pilgern“

          Elisardo, 24 Jahre alt und Sprachenstudent an der Universität Havanna, hängt, wann immer er es sich leisten kann, mit seinen Kumpels an seinem angestammten W-Lan-Hotspot neben dem Hotel Inglaterra am Parque Central herum und surft mit seinem Laptop im Internet. Er will seinen Nachnamen nicht nennen, so wenig wie seine Kommilitonen, die über ihre Smartphones gebeugt sind. „Ich werde nicht zu Fidels Asche pilgern, der Mann war doch schon seit zehn Jahren faktisch tot“, sagt er.

          Weitere Themen

          Wer ist Boris Johnson? Video-Seite öffnen

          Schillernd und umstritten : Wer ist Boris Johnson?

          Der wirre Haarschopf ist unverkennbar: Boris Johnson liebt den großen Auftritt. Der Brexit-Hardliner ist eine der schillerndsten und umstrittensten Persönlichkeiten der britischen Politik.

          Topmeldungen

          Stromausfall in Venezuela

          Venezuela : Wieder fällt im ganzen Land der Strom aus

          In Venezuela geht wieder das Licht aus: Ein landesweiter Stromausfall legt das südamerikanische Land lahm. Die Regierung spricht von einem Angriff auf das Wasserkraftsystem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.