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Handydaten : Willkommen im Netz der NSA

  • -Aktualisiert am

Das NSA-Wappen auf dem Campus von Fort Meade, dem Hauptquartier der Behörde Bild: AP

Das exponentielle Streben nach Perfektion in der Terrorabwehr hat die NSA dazu veranlasst, massenhaft Handydaten aus der ganzen Welt zu speichern. Die jüngste Enthüllung über Bewegungsprofile betrifft auch die Amerikaner selbst.

          Vielleicht wussten die Vorsitzenden der beiden Geheimdienstausschüsse am Wochenende, dass die Zeitung „Washington Post“ bald die nächste NSA-Bombe platzen lassen würde. Womöglich wissen sie sogar von noch dramatischeren Enthüllungen, auf die man sich in westlichen Geheimdiensten gefasst macht, seit die Amerikaner ihren Partnern einen vagen Überblick über die Dokumente gegeben haben, die der frühere NSA-Mitarbeiter Edward Snowden entwendet hat.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Im Nachhinein jedenfalls wirkt das Interview, das der republikanische Abgeordnete Mike Rogers und die demokratische Senatorin Dianne Feinstein am Sonntag dem Sender CNN gaben, wie der Versuch, durch vorauseilenden Sauerstoffentzug das nächste Empörungsfeuer über die NSA zu ersticken. Amerika sei heute nicht sicherer vor Terroristen als zuvor, beteuerten beide. „Es gibt neue Bomben, sehr große Bomben... und Bomben, die Metalldetektoren nicht entdecken“, warnte Feinstein. „Und ich sehe mehr (terroristische) Gruppen, mehr Fundamentalisten, mehr Dschihadisten, die noch entschlossener sind zu töten“, fügte sie an.

          Diese „Metastasierung“ von Al Qaida, erläuterte Rogers, „macht es unseren Geheimdiensten exponentiell schwieriger“, Angriffe zu verhindern. „Wir sind uns einig, dass die Bedrohung heute größer ist und wir weniger sicher leben“, sagte der Republikaner. „Umso perfekter muss man sein, um etwas zu verhindern.“

          Das exponentielle Streben nach Perfektion in der Terrorabwehr führte wohl die NSA dazu, massenhaft Handydaten aus der ganzen Welt zu speichern, um rückwirkend Bewegungsprofile von Verdächtigen anfertigen zu können und Mitverschwörern auf die Spur zu kommen. Der Geheimdienst profitiert davon, dass alle betriebsbereiten Handys jederzeit mit der nächstgelegenen Sende- und Empfangsstation kommunizieren und dadurch verraten, in welcher Funkzelle sie sich befinden.

          Durch Berechnung des Abstand zu mehreren solcher Antennen kann der Standort schon recht genau bestimmt werden. Noch präziser wird es bei Smartphones. Selbst bei abgeschalteter Satellitenortung (GPS) gibt die Liste der gerade empfangbaren kabellosen Internetnetze (W-Lan) Aufschluss über den Aufenthaltsort. Verblüffend einfach scheint es zumindest für Geheimdienste zu sein, an derlei Daten von Kunden praktisch aller Mobilfunknetze der Welt heranzukommen. So gibt es Datenbanken, in denen die Mobilfunkbetreiber ihre Daten austauschen, um Roaming zu ermöglichen, also die Erhebung von Gebühren für Telefonate, die ein Kunde im Ausland über die dortigen Netze führte. Die NSA hat aber auch Zugang zu Glasfaserkabeln, über welche die Mobilfunknetze verbunden sind.

          Wer mobil kommuniziert, kann sich kaum schützen

          Es soll um die Daten von „mindestens Hunderten von Millionen Mobilgeräten“ gehen. Die NSA hat Software, um in kürzester Zeit zu ermitteln, mit wem sich eine in Verdacht geratene Person mehrfach getroffen haben könnte. Bürgerrechtler fürchten deshalb, dass so unbescholtene Menschen, die einem Verdächtigen zufällig häufiger näherkamen, ins Visier der Ermittler geraten. Wer mobil kommunizieren will, kann sich aber kaum schützen. So, wie man die Geheimdienste durch Verschlüsselung seiner E-Mails auf sich aufmerksam macht, macht sich auch verdächtig, wer sein Mobiltelefon immer nur für einen kurzen Moment einschaltet.

          Der Kongress wird vor allem zur Kenntnis nehmen, dass die NSA mit dem Programm wissend in Kauf nimmt, dass sie auch die Daten unzähliger amerikanischer Handynutzer speichert. Die Parlamentarier haben gelernt, auf Formulierungen zu achten, und werden sich nicht von der Versicherung aus dem Büro des Nationalen Geheimdienstdirektors trösten lassen. Demnach sammelt kein amerikanischer Geheimdienst „absichtlich massenweise Ortungsdaten von Handys innerhalb der Vereinigten Staaten“. Doch Rogers hatte schon am Sonntag bekräftigt, dass allein die Debatte („unser Kampf untereinander“) Amerika unsicherer mache.

          Durch Snowden wüssten die Terroristen nun, wie sie den amerikanischen Agenten auffallen würden. Und überdies verschwendeten die Geheimdienste seit Monaten „Abertausende Arbeitsstunden damit, den Leuten zu helfen, die Fakten von der Fiktion zu unterscheiden“, anstatt sich zu fragen: „Was hat Al Qaida als nächstes vor?“

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