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Haitis Präsident Martelly : Der Mann der offenen Baustellen

„Sweet Mickey“: Michel Martelly in Berlin Bild: F.A.Z.-Foto Kien Hoang Le

Michel Martelly wirbt im kalten Berlin für sein Land. Doch seit dem Erdbeben 2010 hat sich in Haiti wenig zum Guten verändert.

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          Michel Martelly findet, dass Deutschland ein schönes Land ist. Nur etwas kalt, scherzt der Präsident von Haiti, der am Mittwoch in Berlin ist und an der Seite von Angela Merkel im Bundeskanzleramt steht. Aber dafür habe die Kanzlerin ja Wärme im Herzen. Merkel ist es irgendwann in jüngster Zeit offenbar auch zu kalt gewesen, jedenfalls deutet ihre Stimme auf den Kampf mit einer Erkältung hin. Das warme Haiti mag da ein verlockendes Reiseziel sein, aber nüchtern, wie Merkel ist, verspricht sie erst gar nicht, in die Karibik zu reisen. Es fehlt mal wieder die liebe Zeit. Sie hat ja den Bericht ihres Gastes. Der dankt den Deutschen für alles, was sie nach dem Erdbeben vor vier Jahren getan hätten. Über den Bau von Schulen berichtet er, erzählt, dass von 1,7 Millionen Obdachlosen nach dem Beben 85 Prozent schon wieder eine Bleibe hätten. Er gibt sich selbstbewusst. Haiti wolle nicht nur Empfängerland sein, sondern auch Geschäftspartner.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Gut zwei Stunden später, Martelly empfängt im Hotel Adlon zum Gespräch, folgt die Meta-Botschaft. „Straßen, Gebäude - Infrastruktur ist gar nicht meine Priorität“, sagt er dieser Zeitung. „Mir sind die Köpfe der Menschen wichtiger.“ Er wolle das Vertrauen der Menschen in die Politik wiederherstellen. Vor seiner Zeit hätte niemand den Politikern zugehört. Bei ihm sei das anders: „Die Menschen hören mir nicht nur zu, sie machen, was ich sage - wenn ich sage, ,geht nach rechts‘, dann gehen sie nach rechts.“

          Michel Martelly ist der Präsident der offenen Baustellen. An unzähligen Orten Haitis sind die Straßen aufgerissen. Zwar liegt das in den seltensten Fällen daran, dass gebaut wird. Aber doch prägen immer wieder Baustellen das Stadtbild der Hauptstadt. „Tôle rouge“ sei, was Martelly hervorbringe, heißt es in Port-au-Prince: rotes Blech zur Baustellenabsicherung - und nichts dahinter. Ob das für die entsprechenden Bauvorhaben notwendige Geld von Anfang an nicht ausreichte oder ob ein zu großer Teil davon in private Taschen wandert, darüber hört man unterschiedliche Einschätzungen. An den privaten Baustellen der Familie Martelly ist die Bautätigkeit jedenfalls nicht eingeschlafen. Der Präsident lässt sich am Strand vor der Hauptstadt ein neues Anwesen bauen.

          Als Sänger eine Wucht

          Haitis Botschaft in Berlin verteilt eine Broschüre, auf der Modelle mit glänzenden Fassaden öffentlicher Gebäude abgebildet sind. Gebaut wurde davon bislang keines. Als Sänger und Keyboarder sei „Sweet Mickey“ eine Wucht gewesen, heißt es aus Port-au-Prince. Aber als Präsident sei er eine Pleite.

          So sind etwa die Parlaments- und Regionalwahlen seit drei Jahren überfällig. Nicht zuletzt auf Druck der UN und der Vereinigten Staaten sollten sie nun endlich am vergangenen Sonntag stattfinden. Doch auch daraus wurde nichts. Haitis Präsidialamt kündigte eine Verschiebung der Wahl auf unbestimmte Zeit an. Eigentlich hätten zwanzig Senatoren und 102 Abgeordnete gewählt werden sollen. Doch dem präsidialen Dekret, die Wahl am 26. Oktober abzuhalten, folgte der Senat nicht. Vor allem sechs Senatoren sind es nach Lesart Martellys, die jede Entscheidung blockieren. Vielleicht, weil sie gern an ihrem nicht mehr rechtmäßigen Amt festhalten würden. Oder, wie einige der Senatoren immer wieder äußern, weil sie Martelly diktatorische Bestrebungen unterstellen. Sollten die Wahlen nicht bis zum Ende des Jahres abgehalten werden, würde das Parlament laut Verfassung im Januar aufgelöst, und der Präsident müsste per Dekreten regieren. Vor allem entzündet sich der Streit an der Benennung der Mitglieder einer Wahlkommission. Ohne dieses Gremium können offiziell keine Wahlen durchgeführt werden.

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