https://www.faz.net/-gq5-7vq7x

Haitis Präsident Martelly : Der Mann der offenen Baustellen

Wird Haiti also bald unregierbar? Mit einem lässigen „Oh, come on“, verdeutlicht der Präsident Haitis, dass er sich vor einer solchen Lage wenig fürchtet. „Dann greift Verfassungsparagraph 136.“ Er habe kein Problem, per Dekret zu regieren. „Ein Land muss regiert werden.“ Martelly lässt wenig Zweifel daran, dass er der nach dem Ende der Duvalier-Diktatur geänderten Verfassung, die vielen Gremien Mitsprache zuspricht, eine Mitschuld an der Lage gibt: „Seit 1987 war jede Wahl eine Krise.“

Wichtiger Drogenumschlagsplatz

Als Martelly im Sommer per Dekret einen ihm genehmen Anwalt und früheren Freund der Duvaliers in die Wahlkommission berief, blockierte der Senat jeden Einigungsversuch. Familie Duvalier hat zwei der schrecklichsten Diktatoren des Landes hervorgebracht: François („Papa Doc“) und Jean-Claude („Baby Doc“). Martelly wiederum soll seinen damaligen Spitznamen „Sweet Mickey“ von einem der damaligen Polizeichefs bekommen haben - weil er den Eliten der Duvalier-Zeit so gute Unterhaltung bot: „Sweet Mickey“ trat dann und wann in Frauenkleidern oder Windeln auf.

Nach den abgesagten Wahlen gingen am Wochenende Tausende sogenannter Regierungsgegner auf die Straße. Sie forderten den Rücktritt Martellys. Die Armut und Verzweiflung der Armen ist real: Drei Viertel der Haitianer sind arbeitslos, mehr als die Hälfte lebt von umgerechnet weniger als zwei Dollar am Tag, Mangelernährung grassiert. Und doch entstehen diese scheinbar spontanen Demonstrationen selten einfach so. Oft bezahlen die jeweiligen politischen Gegner Agitatoren dafür, dass diese das Volk aufwiegeln.

Insbesondere seit der Rückkehr des einst demokratisch gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, dessen vorerst letzte Amtszeit zu einer Schreckensherrschaft wurde, wird im politischen Schnellkochtopf des völlig verarmten Landes gerührt. Noch immer unvergessen sind die „Chimères“, die Milizen des sich politisch links gebenden Populisten, die Tausende Regierungsgegner umgebracht haben sollen. Gegen Aristide, der 2011 aus dem erzwungenen Exil in Südafrika nach Haiti zurückkehrte, sind verschiedene Verfahren anhängig - eines wegen Beteiligung an dem weit verbreiteten Drogenumschlag. Manche sagen, Martelly versuche mit allen Mitteln, die Partei des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Haitis von einer Wahl fernzuhalten.

Haiti gilt als einer der wichtigsten Drogenumschlagsplätze für südamerikanisches Rauschgift in der Region, die von dort aus den nordamerikanischen Markt bedient. Martelly findet, dass das ein Problem der Vergangenheit ist. „Haiti ist kein Narco-Staat mehr.“ Wenn die Probleme derart groß wären, „dann hätte mir das der Premierminister gesagt“.

Weitere Themen

Topmeldungen

Vor dem Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart

Daimler-Betriebsratschef sauer : „Die SPD-Spitze hat es nicht verstanden“

Der Verzicht auf eine Kaufprämie für Autos mit Verbrennungsmotor treibt einen Keil zwischen Gewerkschaften und SPD. Die IG-Metall spricht von einem „massiven Vertrauensverlust“, Daimler-Betriebsratschef Brecht ist „stinksauer“. Die SPD schießt scharf zurück.

Reiseveranstalter in Sorge : Urlaub auf Abstand

Dieser Sommer wird anders sein – mit Sonderregeln am Strand und im Hotel. Reiseveranstalter schöpfen Hoffnung, die Deutschen auch in Corona-Zeiten vom Urlaub am Mittelmeer zu überzeugen. Doch die Sorgen überwiegen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.