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Grenzstreit mit Guyana : Venezuela drangsaliert einen kleinen Nachbarn

  • -Aktualisiert am

Brandbeschleuniger: Präsident Nicolás Maduro vor der Nationalversammlung Bild: Reuters

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro heizt einen alten Konflikt mit Guyana wieder an. Auslöser sind Ölbohrungen in dem umstrittenen Gebiet – und Probleme im eigenen Land.

          5 Min.

          Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro hantiert dieser Tage viel mit Land- und Seekarten. Darauf sind die Grenzen zwischen Venezuela und Guyana: in ihrem gegenwärtigen Verlauf und vor allem so, wie sie nach Ansicht der Regierung in Caracas künftig aussehen müssten. Danach verlöre Guyana fast drei Viertel seines Territoriums, und auch von den Küstengewässern müsste Guyana große Gebiete an das Nachbarland im Westen abgeben.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Streit um den Grenzverlauf zwischen Venezuela und Guyana am Fluss Essequibo ist nicht neu. Er reicht Hunderte von Jahren zurück. Im 17. Jahrhundert gehörte das Gebiet westlich des Flusses Essequibo zu den spanischen Kolonialbesitzungen, die heute das Territorium von Venezuela ausmachen. Die holländischen Kolonialherren dehnten jedoch vom heutigen Surinam aus ihren Einflussbereich immer weiter auch auf das linke Ufer des Flusses aus. Es kam in dem Gebiet immer wieder zu Scharmützeln zwischen Spaniern und Holländern. Schließlich übergaben die Holländer 1814 das Gebiet des heutigen Guyana, das ausgedehnte Territorium am Westufer des Essequibo eingeschlossen, an die Briten. Die behielten Guyana bis 1966 als Kronkolonie.

          Als Guyana vom Vereinigten Königreich in die Unabhängigkeit entlassen wurde, schlossen die Regierungen in London, Caracas und Georgetown am 17. Februar 1966 den Vertrag von Genf. Danach sollten die Parteien eine praktikable, friedliche und für alle akzeptable Lösung für das Gebiet finden. Ob es dazu gekommen ist, bleibt zwischen Caracas und Georgetown bis heute umstritten. Die unabhängige Republik Guyana betrachtet den Status quo als friedliche und allseits akzeptable Lösung und will an ihm festhalten. Venezuela beharrt dagegen auf der Rückgabe des Gebietes am Westufer des Essequibo und will den Grenzverlauf in der Mitte des Flusses ziehen.

          Bild: F.A.Z.

          Der Konflikt um das immerhin 160.000 Quadratkilometer große Gebiet war „eingefroren“. Doch in den vergangenen Wochen hat sich der Streit gefährlich aufgeheizt. Naturgemäß machen sich die Nachbarn gegenseitig für die Eskalation verantwortlich. Unmittelbarer Auslöser sind Explorationsbohrungen des amerikanischen Ölunternehmens Exxon Mobil in den Küstengewässern vor Guyana seit Anfang 2015. Die Regierung in Georgetown hatte dem Unternehmen ungeachtet der Proteste aus Caracas die Bohrungen im Stabroek Block genehmigt. Im Mai ließ Exxon Mobil wissen, man sei auf vielversprechende Vorkommen gestoßen. In den kommenden Monaten sollen weitere Bohrungen in dem knapp 27.000 Quadratkilometer großen Seegebiet vorgenommen werden.

          Das wird nach dem Willen Venezuelas jedoch nicht geschehen. Per Dekret erklärte Präsident Maduro am 27. Mai die Gewässer vor der Küstenlinie am Westufer des Essequibo, das Venezuela seit je für sich beansprucht, zu venezolanischem Hoheitsgebiet und setzte auch gleich ein paar Kriegsschiffe in Marsch. In dem von Venezuela nun aggressiv beanspruchten Küstengewässer liegt auch der Stabroek Block. Georgetown bestellte den Botschafter des Nachbarstaates ins Außenministerium ein, verlangte eine Erklärung und übergab eine Protestnote. Bald darauf zog Venezuela seinen Botschafter aus Georgetown ab. Guyana entzog seinerseits einer venezolanischen Fluggesellschaft die Lizenz, wodurch ein Flugzeug der Venezolaner samt Passagieren in Georgetown am Boden bleiben musste.

          Weitere Schritte der gezielten Eskalation folgten. Venezuela kündigte den Liefervertrag für Reisimporte aus Guyana, was einem Sanktions-Doppelschlag gleichkommt. Guyana muss nun in einem schwierigen Marktumfeld neue Kunden für seinen Reis suchen. Zweitens verliert Guyana einen beträchtlichen Teil seiner garantierten Öleinfuhren, denn Venezuela bezahlte für den Reis aus Guyana mit Öl. Mehr noch, Guyana gehörte wie viele andere Staaten Lateinamerikas und der Karibik zum Petrocaribe-Programm Venezuelas. Dieses Programm hatte Maduros Amtsvorgänger Hugo Chávez erdacht; Ziel war es, sich mit Lieferungen stark verbilligten Öls politischen Einfluss oder gar Gefolgschaft in Lateinamerika und in der Karibik zu erkaufen.

          Auf einer Landkarte zeigt Maduro den umstrittenen Grenzverlauf.
          Auf einer Landkarte zeigt Maduro den umstrittenen Grenzverlauf. : Bild: dpa

          Doch angesichts des gesunkenen Ölpreises kann sich Venezuela diese Großzügigkeit immer weniger leisten: Venezuela bezieht 96 Prozent seiner Deviseneinnahmen aus der Ölausfuhr, und das Land muss mit den stark reduzierten Geldzuflüssen vor alle seine eigenen Wirtschaftsprobleme lösen, in erster Linie Lebensmitteleinfuhren und andere Importe bezahlen.

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