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Amerika : Der Häftlingsstaat

Endlich einmal ein Grund, auf sich selbst stolz zu sein: Sie haben es geschafft, ein Jahr ohne Drogen zu leben. Bild: Andreas Ross

Texas kannte bisher kein Pardon: Lange Haftstrafen für Kleinkriminelle sind gewollt. Doch die Gefängnisse quellen über und Versuche, die minder schweren Fälle zu resozialisieren statt sie auf ewig wegzusperren, sind plötzlich auch bei Republikanern en vogue.

          Die acht Neuen müssen in der ersten Reihe Platz nehmen. Angespannt blicken sie sich um. Dass Richter über ihre Zukunft befinden, kennen sie. Aber einer wie dieser ist ihnen noch nie begegnet. Richter Robert Francis trägt sein lila Hemd oben offen. Er überlässt das erhöhte Richterpult seinen Mitarbeitern, hockt auf einer Tischkante oder läuft herum, schüttelt Hände und klopft Sprüche. Auf den restlichen Bänken sitzen gut drei Dutzend Straftäter, die das Spiel schon kennen. Sie wurden vor Monaten aus der Haft entlassen und müssen seither zweimal wöchentlich im „Drogen-Wiedereingliederungsgericht Dallas“ Platz nehmen. Sie schauen die Neuen mal aufmunternd, mal feixend an, während Richter Francis sie befragt. Eine junge Weiße berichtet, dass sie ihr erstes Crystal Meth als Teenagerin von ihrer Mutter bekam und jetzt selbst vier Kinder habe. „Von wie vielen Vätern?“, fragt Judge Francis. „Drei.“ Der Richter will genau wissen, was seine Schützlinge umtreibt. „Mit wie vielen hast du Kontakt?“, hakt er nach. „Mit zweien.“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Neben der Frau sitzt ein weißer Mann, der erst mit 43 Jahren medikamentensüchtig wurde. Bald stahl er, um die Dealer bezahlen zu können. „Hat dein Magen das Zeug vertragen?“, erkundigt sich Richter Francis. „Danke“, pariert der Straftäter, „da kann ich nicht klagen.“ Der Saal kichert, Richter Francis grinst säuerlich. Aber er bittet um Applaus, als er hört, dass der Neue einen High-School-Abschluss hat. Die meisten hier haben es nie so weit gebracht. Eine Latina prahlt, dass sie bis zu ihrer ersten Schwangerschaft in Klasse elf eine Reservistenschule besucht habe und Scharfschützin sei. „Wie treffsicher bist du auf 200 Meter?“, fragt der Richter. „Der Schießstand war nur 15 Meter lang“, antwortet sie. „Schade“, sagt Francis, „ich hätte dich mit auf Hirschjagd nehmen können.“ Was die vor Tagen aus dem Gefängnis entlassene Frau nicht ahnt: Es wäre diesem Richter zuzutrauen. „Niemand, der Stress mit der Staatsgewalt hat, mag den Richter“, sagt Richter Francis. „Doch in Wahrheit ist man selbst derjenige, den man nicht leiden kann.“

          „Rennt nicht weg und lügt uns nicht an“

          Keiner widerspricht. Manche nicken. Viele sehnen sich danach, dem Kreislauf von Sucht, Kriminalität, Gewalt, Gefängnis, Erniedrigung und Armut zu entkommen. Das Team von Richter Francis bietet ihnen Hilfe, Ansporn und Aufsicht. Denn auch der Staat Texas ist es leid, immer wieder dieselben Menschen einzusperren und ihrer fortschreitenden Verrohung zuzusehen. Mitleid für Täter zählt zwar nicht zu den politischen Primärtugenden in einem Staat, den die Republikaner ziemlich breitbeinig regieren. Doch dass fast eine Viertelmillion der 27 Millionen Einwohner in Gefängnissen lebt und Hunderttausende nur auf Bewährung frei sind, passt auch Republikanern nicht. Schließlich nimmt die Kriminalität schon seit fünf Jahrzehnten ab. Und täglich kostet jeder Häftling fünfzig Dollar.

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