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Franziskus in Washington : Päpstlicher als die Progressiven

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Gruß an die Welt: Papst Franziskus zu Gast beim amerikanischen Präsidenten Barack Obama und dessen Frau Michelle im Weißen Haus Bild: Reuters

Franziskus hat auf dem Flug nach Washington versichert, er sei „kein Linker“. Im Weißen Haus warnt er vor der Zerstörung der Ehe. Doch die Demokraten hören: Klimaschutz und Kapitalismuskritik.

          Donald Kardinal Wuerl gab neulich eine fast zehn Jahre alte Anekdote aus dem Vatikan zum Besten. Kurz nach seiner Ernennung zum Erzbischof von Washington hielt sich Wuerl dort zu einem Bischofstreffen auf. In der Kaffeepause kam Kardinal Bergoglio auf ihn zu und sagte: „Washington – ist das nicht die Hauptstadt deines Landes?“ Der Argentinier stellte die Frage betont naiv, vielleicht ein bisschen wie der trottelige Inspektor Columbo aus der Fernsehserie. Wuerl bejahte die Frage des Kollegen. Bergoglio erwiderte: „In meinem Land ist Buenos Aires die Hauptstadt.“ Lächelnd spazierte er davon. Nun, da Jorge Mario Kardinal Bergoglio seit zweieinhalb Jahren Papst Franziskus heißt und sich zum ersten Mal in seinem Leben in den Vereinigten Staaten aufhält, hält die Episode für Washingtons Erzbischof eine wichtige Mahnung bereit: „Wir Nordamerikaner müssen uns vor Augen führen, dass wir nicht der Mittelpunkt aller Dinge sind.“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Von Anbeginn hatte der Papst deutlich gemacht, dass er sich in Washington, New York und Philadelphia wenig Pomp und viele Begegnungen mit Mitchristen erhofft: Er speist mit Obdachlosen, trifft Flüchtlinge und besucht Häftlinge. Doch zunächst erleben 15.000 Gäste am Mittwoch im Garten des Weißen Hauses mit, wie Barack Obama den Gast rühmt – und für seine politische Botschaft zu vereinnahmen sucht. „Sie rufen uns auf, den ,Geringsten unter uns‘ in den Mittelpunkt zu rücken“, sagt der demokratische Präsident. Er preist Franziskus’ „unschätzbare Unterstützung unseres Neuanfangs mit Kuba“ und bedankt sich für die Erinnerung an „unsere heilige Pflicht, unseren Planeten zu schützen“. Die Botschaft der Barmherzigkeit verlange es ferner, „Fremde mit wahrhaftig offenem Herzen willkommen zu heißen“. Das, präzisiert Obama, betreffe Kriegsflüchtlinge ebenso wie Einwanderer, die „ein besseres Leben suchen“.

          Kein Linker, kein Kommunist

          Der Papst kommt in seiner Antwort noch schneller zu seinen politischen Punkten. „Als Sohn einer Einwanderfamilie bin ich froh, Gast in diesem Land zu sein, das von solchen Familien errichtet wurde“, sagt Franziskus schon im zweiten Satz. An diesem Donnerstag werde er denn auch in im Kongress die Politiker „ermuntern, den Gründungsprinzipien ihrer Nation treu zu bleiben“. Doch die republikanischen Gegner von Obamas Ansinnen, Millionen illegaler Einwanderer einen Weg zur amerikanischen Staatsbürgerschaft zu ebnen, müssen sich nicht allzu lang grämen. Denn sogleich verkündet der Papst, dass „die Institution der Ehe und die Familie in diesem kritischen Moment unserer Zivilisationsgeschichte“ Unterstützung benötige.

          Das „Recht auf Religionsfreiheit“ dürfe nicht unter die Räder geraten. Das darf man getrost als Kritik daran verstehen, dass in Kentucky unlängst eine gewählte Verwaltungschefin in Beugehaft genommen wurde, weil sie dem Obersten Gericht trotzte und homosexuellen Paaren keine Trauscheine ausstellte. Doch gleich nimmt der Papst wieder eine scharfe Linkskurve: Er lobt Obamas „Initiative zur Verringerung der Luftverschmutzung“ und erinnert an die „Millionen Menschen, die in einem System leben, das sie übersieht.“ Er sei kein Linker, hat Franziskus auf dem Flug von Havanna nach Washington Reportern versichert, und erst recht kein Kommunist. Mit seiner Kapitalismus-Kritik vertrete er nur die katholische Soziallehre.

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