https://www.faz.net/-gq5-887jh

Franziskus in Washington : Päpstlicher als die Progressiven

  • -Aktualisiert am

„Das ist die ganze linke Agenda“

Auch die demokratische Minderheitsführerin Nancy Pelosi ist engagierte Katholikin; sie rühmt sich, seit Pius XII. allen Päpsten begegnet zu sein. In konservativen Kreisen wurde ein großer Skandal daraus gemacht, dass Pelosi ebenso wie Amerikas erster katholischer Vizepräsident Joe Biden bei Franziskus‘ Amtseinführung im Vatikan die Kommunion empfingen. Schließlich hatte der Papst als Erzbischof von Buenos Aires 2007 geschrieben, dass „Politiker nicht die Heilige Kommunion empfangen und zugleich in Worten und Taten den Geboten zuwiderhandeln dürfen, vor allem, wenn sie zu Abtreibung, Sterbehilfe oder anderen schweren Verbrechen gegen das Leben und die Familie ermuntern“. Amerikas Demokraten erinnern lieber an die jüngere Mahnung des Papstes, dass die Kirche sich nicht so „besessen“ von Themen wie Abtreibung, Homo-Ehe und Verhütungsmitteln zeigen dürfe.

Pelosi sagt: „Die Kirche hat ihre Haltung, und wir haben unsere: dass Gott jeder Frau einen freien Willen gegeben hat.“ Ähnliche Absetzbewegungen unter umgekehrten Vorzeichen führen die sechs Katholiken unter den republikanischen Präsidentschaftskandidaten vor. Jeb Bush, der als junger Mann zum Katholizismus konvertierte, plädiert sich für eine strikte Trennung der religiösen und der politischen Sphären. Dabei hatte er sich als Gouverneur von Florida nicht gescheut, seinen verfassungsrechtlich fragwürdigen Kampf gegen die Beendigung der Zwangsernährung von Terri Schiavo, die 15 Jahre lang im Wachkoma lag, mit seinem Glauben zu begründen. Chris Christie versicherte neulich im Fernsehen, der Papst habe für ihn „hundertprozentige“ Autorität in Glaubensfragen – aber Familienplanung betreibe auch er zu Hause nicht nur nach der „Kalendermethode“.

Der überzeugte Abtreibungsgegner Rick Santorum, der nicht an „die Mär“ vom menschengemachten Klimawandel glaubt, hat seinem Kirchenoberhaupt geraten, „die Wissenschaft den Wissenschaftlern zu überlassen“. Doch da kennt Franziskus kein Erbarmen. Auf Twitter hatte er seine Klima-Enzyklika „Laudato Si“ prägnant zusammengefasst: „Die Erde, unsere Heimat, gleicht immer mehr einem riesigen Dreckshaufen.“ Als er am Dienstag vom Flugfeld zur Nuntiatur gefahren wurde, nahm er in einem Fiat 500 Platz, der den zahlreichen schwarzen Achtzylinder-Geländewagen seiner Bewacher vom Secret Service bis zur Unterkante ihrer Motorhauben ging. Der evangelikale Republikaner Jim Inhofe, Vorsitzender des Umweltausschusses im Senat und erklärter „Jesus-Freund“, warnte vor Franziskus‘ Rede: „Das ist die ganze linke Agenda, und die wird nicht dadurch Evangelium, dass der Papst sie verliest.“

Ein vom Republikaner-Mäzen Charles Koch mitfinanziertes Forschungsprojekt an der Katholischen Universität in Washington soll bald die „Vereinbarkeit von Kapitalismus und Katholizismus“ untersuchen. Papst Franziskus, hat der Washingtoner Theologe Chad Pecknold gesagt, sei wie ein Rorschach-Test: Jeder könne in ihm sehen, was ihm (politisch) gefalle. Die Obama-Regierung zeigt sich entschlossen, ihrer Deutung dieses politisch zerlaufenen Tintenkleckses zum Durchbruch zu verhelfen. Man könne sich doch nicht die Chance entgehen lassen, sagte Joe Biden kürzlich, dass man „den beliebtesten Menschen der Welt“ zu Besuch habe. Auf dem Flug vom kommunistischen Kuba ins kapitalistische Amerika gab Franziskus zu, womöglich habe er bei manchen Kritikern „den Eindruck“ hinterlassen, dass er „ein bisschen nach links neige“. Das täusche. „Wenn sie es wünschen“, versprach der Pontifex, „kann ich ihnen jederzeit das große Glaubensbekenntnis aufsagen.“

Weitere Themen

Boris Johnson ist optimistisch Video-Seite öffnen

Treffen mit Macron in Paris : Boris Johnson ist optimistisch

Nach seinem Besuch in Berlin kam der britische Regierungschef am Donnerstag mit dem französischen Staatspräsidenten in Paris zusammen. Wirklich viel hatte Macron in Sachen Brexit-Abkommen aber nicht anzubieten. Trotzdem versprach er eine 30-tägige Anstrengung.

Topmeldungen

Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.
Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

Der Exosuit : Was uns nach den E-Tretrollern erwartet

Noch hat sich Deutschland nicht an die E-Tretroller gewöhnt, da kommt schon die nächste Innovation aus Amerika: Die E-Buxe könnte den Straßenverkehr revolutionieren oder noch mehr belasten. Eine Glosse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.