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Deutscher Baptist in Amerika : Im Namen des Sohnes

  • -Aktualisiert am

Frank Schaefer im Dezember auf einer Pressekonferenz in Germantown Bild: ddp images/Philadelphia Inquirer

Amerikanische Methodisten haben Pfarrer Frank Schaefer abgesetzt, weil er seinen schwulen Sohn getraut hat. Jetzt reist der Deutsche als Aktivist durchs Land und lässt sich feiern.

          6 Min.

          Zwischen den Kirchenbänken hat sich eine Schlange gebildet. Draußen ist es schon dunkel, der ökumenische Gottesdienst mit  Gospel-Chor und afrikanischen Trommlern hat sich in die Länge gezogen. Aber die Gläubigen aller Couleur warten geduldig auf ihre Minute mit Frank Schaefer. Die  meisten fallen dem Pastor gleich um den Hals.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Die anderen fragt der Gastprediger des Abends nach einigen Sätzen selbst, ob er sie kurz an sich drücken dürfe. So wie hier in Washington geht das fast jeden Abend, seit Schaefer vor einem halben Jahr vom Kleinstadt-Pastor in Pennsylvania zum vielfliegenden Verfechter der Homosexuellenrechte geworden ist. Im Dezember  enthob ihn die Evangelisch-Methodistische Kirche des Amtes, weil er gut sechs  Jahre zuvor die Trauung seines ältesten Sohnes mit einem Mann vorgenommen hatte.

          „Ich sehe darin eine Berufung Gottes“

          Nun reist Schaefer als Held christlicher Homosexueller durch Amerika und  erzählt seine Geschichte. Wo er hinkommt, sieht der einst streng konservative Protestant sein Konterfei  auf den Regenbogen-Plakaten seiner Gastgeber prangen. „Ich habe mir das nicht  ausgesucht“, sagt der Zweiundfünfzigjährige beim späten Feierabendbier in der  amerikanischen Hauptstadt. „Ich sehe darin eine Berufung Gottes.“

          Versonnen blickt er zu seiner Frau. Dann fügt er hinzu: „Aber ich muss sagen, dass ich  eine ganz besondere Liebe zu den Schwulen, den Lesben und den Bi- oder Transsexuellen habe. Am liebsten möchte ich sie alle umarmen und ihnen zurufen:  Ihr seid nicht falsch.“  In der „Luther Place Memorial Church“ im Zentrum Washingtons wirkt Schaefer neben Turban- und Fezträgern, einem bärtigen Gemeindehelfer auf Stöckelschuhen  und einer schrillen Clique afroamerikanischer Transgender in fülligen Frauenkörpern eigentlich nicht wie eine Ikone der Schwulenbewegung. Ohne seine bunte Stola ginge der Oberlippen- und Kinnbartträger auch als Wuppertaler Elektrogerätemechaniker durch.

          Auf Umwegen zu den Methodisten

          Und genau das wäre Schaefer in den achtziger Jahren beinah geworden. Doch dann wollte der in einer streng religiösen Baptistenfamilie aufgewachsene Realschulabsolvent aus dem Bergischen Land nach der Lehre Übersetzer werden. Über die Kirchenkontakte seiner Eltern fand sich  eine Gastfamilie in Virginia, die den jungen Deutschen und seine Frau Brigitte  für einen halbjährigen Sprachaufenthalt beherbergte.

          Ihr Pastor war es, der Frank Schaefer schließlich die Frage stellte, die er sich bis dahin nie zu  beantworten gewagt hatte: Spürst du nicht einen Ruf auf deinem Leben? Solltest du nicht Pastor werden? Er sagte Ja, und die Schaefers blieben in Amerika. Beim Theologie-Studium in  Princeton machten dem Deutschen Widersprüche in der baptistischen Dogmatik zu  schaffen. Auf Umwegen fand er seine religiöse Heimat bei den Methodisten, der mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern drittgrößten christlichen Konfession  in den Vereinigten Staaten. „Mir gefiel die Weite“, sagt Schaefer - im  Vergleich zu den Baptisten und den Pfingstkirchlern, denen er sich  zwischenzeitlich zugewandt hatte, schien die United Methodist Church eine größere Bandbreite von Meinungen auszuhalten.

          Ein anonymer Anruf platzte in die Ruhe

          Aber die Bischöfin schickte Schaefer ins Amish Country von Pennsylvania. Noch heute lebt er dort in einem der konservativsten Landstriche des amerikanischen Nordostens. In seiner Gemeinde kam es bald zum Streit über die musikalische Gestaltung der  Gottesdienste, die Schaefer aufpeppen wollte. Ansonsten aber verspürte der  deutsche Pastor kein Bedürfnis, die Nachfahren seiner vor Hunderten Jahren  ausgewanderten Landsleute zum Liberalismus zu bekehren.

          Schaefer schlug einen unpolitischen Ton an, und seine Familie wurde in Pennsylvania heimisch. Im Jahr 2000 platzte ein anonymer Anruf in die Ruhe. Schaefers Sohn Tim sei schwul und hege Selbstmordgedanken, sagte die Frau. Frank und Brigitte Schaefer hatten nichts geahnt. Sie stürmten, so erzählt es der abgesetzte Pastor nun Abend für Abend vor Publikum, zu Tim und versicherten ihn ihrer und Gottes  Liebe. Der Vater machte sich Vorwürfe - nicht nur, weil er den Kummer seines Erstgeborenen jahrelang übersehen hatte.

          Schaefer gibt zu, dass ihn auch die Nachricht an sich wurmte. Hatte er etwas falsch gemacht? „Immerhin hatte ich von klein auf gelernt, dass Homosexualität Sünde ist“, erklärt der Pastor und erzählt, wie seine Eltern früher in Wuppertal über die „Perversen“ schimpften,  wenn das Fernsehen am Christopher Street Day die Paraden der Halbnackten zeigte. „Das hat alles in mir gearbeitet.“ Doch stärker betrübte den Vater, dass der Schmerz seines tief religiösen Sohnes ausgerechnet auf einer Kirchenkonferenz begonnen hatte, zu der er ihn vor Jahren mitgenommen hatte.

          Mit regenbogenbunter Stola: Frank Schaefer spricht zu Gläubigen in Boston

          Tim Schaefer hatte dort als Pubertierender eine lebhafte Debatte über  Homosexualität miterlebt - und den Eindruck gewonnen, für Leute wie ihn gebe es  im Himmel keinen Platz. Die innere Zerrissenheit hat die Familie lange hinter sich gelassen. Nach Tim  offenbarten sich irgendwann auch Tochter Debbie und das dritte Kind Kevin als  homosexuell. „Das ging dann schon leichter“, sagt Schaefer und grinst.

          Heute dient es ihm in seinen Reden als Pointe, wenn er seinen jüngsten Sohn Pascal  als „die erste Person der Geschichte“ vorstellt, die „ein Coming-out als Heterosexueller hatte“. Schaefers Gemeinde blieb das alles nicht  verborgen. Aber ihr Pastor hielt sich an die unausgesprochene Regel und  versagte sich auf der Kanzel jeden Kommentar zu gleichgeschlechtlichen Paaren.

          Tim und sein Verlobter heirateten 2007 in Boston. Als das Paar ihn  gebeten habe, die Trauung vorzunehmen, so donnert Schaefer es heute in die  Mikrofone, „da hätte mich nichts in der Hölle davon abbringen können“. Aber in  der Heimatstadt sprach die Familie nicht über ihren besonderen Tag. Es sollten mehr als fünf Jahre nach der laut Kirchenrecht verbotenen Zeremonie vergehen, bis Schaefers Streit mit der alten Garde in der Gemeinde eskalierte und ihn der Tabubruch einholte.

          „Schreckliche, homophobe Doktrin“

          Zuerst schwärzten seine Gegner ihn mit der Behauptung an, er habe sich auf dem Kirchenklo mit einem anderen Mann sexuell vergnügt. Der  Bischöfin war klar, dass das ein Komplott war. Aber dann reiste ein Mann aus der Gemeinde, dessen Mutter Schaefer gerade als Chorleiterin abgesetzt hatte, eigens ins 600 Kilometer entfernte Boston, um die Unterlagen von Tims Hochzeit zu fotokopieren. Jetzt musste die Bischöfin ein Verfahren einleiten.  Das Kirchengericht trat in der Turnhalle eines methodistischen Landheims  zusammen.

          Der Prozess bildet den Höhepunkt in Schaefers Story. Der Pastor wurde damals gefragt, ob er noch einmal ein homosexuelles Paar trauen würde. Seine Anwälte hätten ihm geraten, der Frage auszuweichen, etwa mit dem Hinweis, dass  niemand die Zukunft kenne. „Aber ich konnte das nicht“, versichert Schaefer und  spricht plötzlich scharf von der „schrecklichen, homophoben Doktrin“ seiner Kirche. Dann legt er sich die regenbogenbunte Stola um, die er bis dahin in der Sakkotasche verborgen hielt, und kommt auf sein furioses Finale im Zeugenstand  zu sprechen: „Auf einmal hörte ich mich Worte sagen, die einfach perfekt  waren.“ Er präsentierte der Jury aus 13 Pastoren die Stola als „Symbol dessen,  was ich von jetzt an zu sein habe“.

          „Es sind aufregende Zeiten“

          Er erklärte, dass er Tims Trauung nicht  bereue und sich von Gott berufen fühle, für die Gleichstellung der  Homosexuellen zu werben. „In diesem Augenblick war mir nicht bange“, verkündet  Schaefer mit Pathos in der Washingtoner Kirche, wo er neben einem  Buntglasfenster steht, das Martin Luther einträchtig mit Martin Luther King  zeigt. „Egal, ob sie mich des Amtes entheben oder ob sie mich steinigen würden  - ich fürchtete mich nicht.“ In Washington sind ihm stehender Beifall und gellende „Amen“-Schreie  sicher.

          Aber wenn Schaefer wie neulich nach Oklahoma in den „Bibelgürtel“ reist  und zu Angehörigen seiner eigenen Kirche spricht, sind ihm nicht alle Zuhörer wohlgesinnt. Einerseits können sich die konservativen Methodisten zwar damit  trösten, dass allein schon das Wachstum ihrer Kirche in Afrika auf absehbare Zeit eine Mehrheit in den Gremien für die Homosexuellenehe verhindern wird, wie  sie soeben bei den Presbyterianern zustande kam.

          Andererseits vergeht in Amerika kaum noch ein Monat, ohne dass Bundesrichter in irgendeinem Staat das Verbot der Homoehe aufhöben. Als neulich Schaefers Heimat Pennsylvania an der  Reihe war, wurde das in den nationalen Medien schon nur noch am Rande  erwähnt. Und im Gegensatz zu vielen Kollegen entschied sich der republikanische  Gouverneur dagegen, das Urteil anzufechten. Ungewiss bleibt, wann die Obersten  Richter in Washington ihr Machtwort sprechen. „Es sind aufregende Zeiten“, sagt  Frank Schaefer. Er strahlt.

          Die „Washington Post“ hat den Deutschen zur „passenden Ikone für das Amerika von 2014“ erklärt: Mit dem Weg, den der Pastor langsam und etwas zögerlich  zurückgelegt habe, verkörpere er gleichsam die Entwicklung der ganzen  Gesellschaft.

          Wie es weitergeht, hängt auch für Schaefer persönlich von einer  höheren juristischen Instanz ab. Am vorigen Freitag wurde er im kirchlichen  Berufungsverfahren angehört; diesmal trafen sich die Pastoren etwas bequemer in  einem Hotel am Flughafen von Baltimore. Schaefer, den eine progressive  Methodisten-Bischöfin nach Kalifornien holen will, rechnet fest mit einer  Aufhebung des ersten Urteils. Denn seines Amtes sei er formal nicht wegen Tims Hochzeit enthoben worden, sondern weil er nicht ausgeschlossen habe, es wieder zu tun.

          Doch könne niemand für etwas bestraft werden, das er noch gar nicht  getan habe, argumentierte Schaefer vor der Jury aus Kollegen.  Und dann? Was, wenn die Kirche der Logik folgt und ihn seine Robe wieder tragen  lässt? Wird er, der in den vergangenen Monaten Tausende Schwule und Lesben geherzt hat, nicht bald täglich gebeten werden, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen? Frank Schaefer lächelt und schweigt. „Die Kirche steht an einem wichtigen Punkt“, sagt er schließlich. „Es ist ein Kampf.“

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