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Deutscher Baptist in Amerika : Im Namen des Sohnes

  • -Aktualisiert am

Der Prozess bildet den Höhepunkt in Schaefers Story. Der Pastor wurde damals gefragt, ob er noch einmal ein homosexuelles Paar trauen würde. Seine Anwälte hätten ihm geraten, der Frage auszuweichen, etwa mit dem Hinweis, dass  niemand die Zukunft kenne. „Aber ich konnte das nicht“, versichert Schaefer und  spricht plötzlich scharf von der „schrecklichen, homophoben Doktrin“ seiner Kirche. Dann legt er sich die regenbogenbunte Stola um, die er bis dahin in der Sakkotasche verborgen hielt, und kommt auf sein furioses Finale im Zeugenstand  zu sprechen: „Auf einmal hörte ich mich Worte sagen, die einfach perfekt  waren.“ Er präsentierte der Jury aus 13 Pastoren die Stola als „Symbol dessen,  was ich von jetzt an zu sein habe“.

„Es sind aufregende Zeiten“

Er erklärte, dass er Tims Trauung nicht  bereue und sich von Gott berufen fühle, für die Gleichstellung der  Homosexuellen zu werben. „In diesem Augenblick war mir nicht bange“, verkündet  Schaefer mit Pathos in der Washingtoner Kirche, wo er neben einem  Buntglasfenster steht, das Martin Luther einträchtig mit Martin Luther King  zeigt. „Egal, ob sie mich des Amtes entheben oder ob sie mich steinigen würden  - ich fürchtete mich nicht.“ In Washington sind ihm stehender Beifall und gellende „Amen“-Schreie  sicher.

Aber wenn Schaefer wie neulich nach Oklahoma in den „Bibelgürtel“ reist  und zu Angehörigen seiner eigenen Kirche spricht, sind ihm nicht alle Zuhörer wohlgesinnt. Einerseits können sich die konservativen Methodisten zwar damit  trösten, dass allein schon das Wachstum ihrer Kirche in Afrika auf absehbare Zeit eine Mehrheit in den Gremien für die Homosexuellenehe verhindern wird, wie  sie soeben bei den Presbyterianern zustande kam.

Andererseits vergeht in Amerika kaum noch ein Monat, ohne dass Bundesrichter in irgendeinem Staat das Verbot der Homoehe aufhöben. Als neulich Schaefers Heimat Pennsylvania an der  Reihe war, wurde das in den nationalen Medien schon nur noch am Rande  erwähnt. Und im Gegensatz zu vielen Kollegen entschied sich der republikanische  Gouverneur dagegen, das Urteil anzufechten. Ungewiss bleibt, wann die Obersten  Richter in Washington ihr Machtwort sprechen. „Es sind aufregende Zeiten“, sagt  Frank Schaefer. Er strahlt.

Die „Washington Post“ hat den Deutschen zur „passenden Ikone für das Amerika von 2014“ erklärt: Mit dem Weg, den der Pastor langsam und etwas zögerlich  zurückgelegt habe, verkörpere er gleichsam die Entwicklung der ganzen  Gesellschaft.

Wie es weitergeht, hängt auch für Schaefer persönlich von einer  höheren juristischen Instanz ab. Am vorigen Freitag wurde er im kirchlichen  Berufungsverfahren angehört; diesmal trafen sich die Pastoren etwas bequemer in  einem Hotel am Flughafen von Baltimore. Schaefer, den eine progressive  Methodisten-Bischöfin nach Kalifornien holen will, rechnet fest mit einer  Aufhebung des ersten Urteils. Denn seines Amtes sei er formal nicht wegen Tims Hochzeit enthoben worden, sondern weil er nicht ausgeschlossen habe, es wieder zu tun.

Doch könne niemand für etwas bestraft werden, das er noch gar nicht  getan habe, argumentierte Schaefer vor der Jury aus Kollegen.  Und dann? Was, wenn die Kirche der Logik folgt und ihn seine Robe wieder tragen  lässt? Wird er, der in den vergangenen Monaten Tausende Schwule und Lesben geherzt hat, nicht bald täglich gebeten werden, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen? Frank Schaefer lächelt und schweigt. „Die Kirche steht an einem wichtigen Punkt“, sagt er schließlich. „Es ist ein Kampf.“

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