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Deutscher Baptist in Amerika : Im Namen des Sohnes

  • -Aktualisiert am

Ein anonymer Anruf platzte in die Ruhe

Aber die Bischöfin schickte Schaefer ins Amish Country von Pennsylvania. Noch heute lebt er dort in einem der konservativsten Landstriche des amerikanischen Nordostens. In seiner Gemeinde kam es bald zum Streit über die musikalische Gestaltung der  Gottesdienste, die Schaefer aufpeppen wollte. Ansonsten aber verspürte der  deutsche Pastor kein Bedürfnis, die Nachfahren seiner vor Hunderten Jahren  ausgewanderten Landsleute zum Liberalismus zu bekehren.

Schaefer schlug einen unpolitischen Ton an, und seine Familie wurde in Pennsylvania heimisch. Im Jahr 2000 platzte ein anonymer Anruf in die Ruhe. Schaefers Sohn Tim sei schwul und hege Selbstmordgedanken, sagte die Frau. Frank und Brigitte Schaefer hatten nichts geahnt. Sie stürmten, so erzählt es der abgesetzte Pastor nun Abend für Abend vor Publikum, zu Tim und versicherten ihn ihrer und Gottes  Liebe. Der Vater machte sich Vorwürfe - nicht nur, weil er den Kummer seines Erstgeborenen jahrelang übersehen hatte.

Schaefer gibt zu, dass ihn auch die Nachricht an sich wurmte. Hatte er etwas falsch gemacht? „Immerhin hatte ich von klein auf gelernt, dass Homosexualität Sünde ist“, erklärt der Pastor und erzählt, wie seine Eltern früher in Wuppertal über die „Perversen“ schimpften,  wenn das Fernsehen am Christopher Street Day die Paraden der Halbnackten zeigte. „Das hat alles in mir gearbeitet.“ Doch stärker betrübte den Vater, dass der Schmerz seines tief religiösen Sohnes ausgerechnet auf einer Kirchenkonferenz begonnen hatte, zu der er ihn vor Jahren mitgenommen hatte.

Mit regenbogenbunter Stola: Frank Schaefer spricht zu Gläubigen in Boston

Tim Schaefer hatte dort als Pubertierender eine lebhafte Debatte über  Homosexualität miterlebt - und den Eindruck gewonnen, für Leute wie ihn gebe es  im Himmel keinen Platz. Die innere Zerrissenheit hat die Familie lange hinter sich gelassen. Nach Tim  offenbarten sich irgendwann auch Tochter Debbie und das dritte Kind Kevin als  homosexuell. „Das ging dann schon leichter“, sagt Schaefer und grinst.

Heute dient es ihm in seinen Reden als Pointe, wenn er seinen jüngsten Sohn Pascal  als „die erste Person der Geschichte“ vorstellt, die „ein Coming-out als Heterosexueller hatte“. Schaefers Gemeinde blieb das alles nicht  verborgen. Aber ihr Pastor hielt sich an die unausgesprochene Regel und  versagte sich auf der Kanzel jeden Kommentar zu gleichgeschlechtlichen Paaren.

Tim und sein Verlobter heirateten 2007 in Boston. Als das Paar ihn  gebeten habe, die Trauung vorzunehmen, so donnert Schaefer es heute in die  Mikrofone, „da hätte mich nichts in der Hölle davon abbringen können“. Aber in  der Heimatstadt sprach die Familie nicht über ihren besonderen Tag. Es sollten mehr als fünf Jahre nach der laut Kirchenrecht verbotenen Zeremonie vergehen, bis Schaefers Streit mit der alten Garde in der Gemeinde eskalierte und ihn der Tabubruch einholte.

„Schreckliche, homophobe Doktrin“

Zuerst schwärzten seine Gegner ihn mit der Behauptung an, er habe sich auf dem Kirchenklo mit einem anderen Mann sexuell vergnügt. Der  Bischöfin war klar, dass das ein Komplott war. Aber dann reiste ein Mann aus der Gemeinde, dessen Mutter Schaefer gerade als Chorleiterin abgesetzt hatte, eigens ins 600 Kilometer entfernte Boston, um die Unterlagen von Tims Hochzeit zu fotokopieren. Jetzt musste die Bischöfin ein Verfahren einleiten.  Das Kirchengericht trat in der Turnhalle eines methodistischen Landheims  zusammen.

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