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Fidel Castro ist tot : „Die Geschichte wird ihn nicht freisprechen“

  • -Aktualisiert am

Ein ideologisch elastischer Machtmensch, der ultimative Macho und Caudillo: Fidel Castro, hier bei einer Diskussion im Jahr 1999 Bild: AFP

Jeder fünfte Kubaner hat die Insel seit der Revolution verlassen. Die meisten flohen vor Armut. Das Reich der Castros ist eine linke Militärdiktatur, der nun gestorbene Revolutionsführer selbst war ebenso intelligent wie starrköpfig, narzisstisch und paranoid.

          „Die Geschichte wird ihn nicht freisprechen.“ Das sagt der kubanische Schriftsteller und Publizist Carlos Alberto Montaner über Fidel Castro am Tag nach dem Tod des Revolutionsführers und „Maximo Líders“ vom Freitagabend. Damit kehrt der Exil-Kubaner Montaner, 1943 in Havanna geboren, eines der berühmtesten Zitate Castros vom Kopf auf die Füße. „Die Geschichte wird mich freisprechen.“ Das hatte Fidel Castro, damals gerade 27 Jahre alt, in seiner berühmten Verteidigungsrede im Prozess vom Oktober 1953 wegen des gescheiterten Überfalls auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba gesagt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Das Unternehmen war ein Himmelfahrtskommando gewesen, angeführt von Fidel und seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl: Von den 135 Rebellen, die am frühen Morgen des 26. Juli 1953 den Angriff auf die Kaserne unternahmen, fiel fast die Hälfte. Die anderen wurden gefangengenommen. Es war der erste Versuch des von unbändigem Ehrgeiz und Machtwillen getriebenen Rechtsanwalts und Vollblutpolitikers Fidel Castro, den korrupten Diktator Fulgencio Batista zu stürzen und die Macht an sich zu reißen.

          Auf erbeuteten Panzern in die Hauptstadt

          In dem Prozess vom Oktober 1953 wurden Fidel, Raúl und deren Mitverschwörer zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Doch statt 15 und 13 Jahren saßen Fidel und Raúl kaum zwei Jahre im Gefängnis. 1955 kamen sie im Rahmen einer Generalamnestie frei und gingen ins Exil nach Mexiko. Von dort unternahmen sie – gemeinsam mit 80 weiteren Mitstreitern, unter ihnen der Argentinier Ernesto Che Guevara – Ende November 1956 einen zweiten Anlauf zur Machtergreifung: Mit der völlig überladenen Jacht „Granma“ fuhren sie von der mexikanischen Halbinsel Yucatán nach Kuba und begannen den Rebellenkampf in den Bergen der Sierra Maestra im Osten Kubas. Am Neujahrstag 1959 floh Batista mit seiner Familie und einem beträchtlichen Barvermögen aus Havanna. Wenige Tage später fuhr Fidel im Triumphzug auf erbeuteten Panzern in der Hauptstadt ein.

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          Und seither, seit fast 58 Jahren, herrschen in Havanna die Castros. Zunächst, bis zu seiner lebensbedrohlichen Darmerkrankung vom Juli 2006, Fidel als Staats- und Parteichef und ewiger „Comandante en Jefe de la Revolución“. Dann übergab der kranke Fidel die Macht an seinen Bruder Raúl. Der hatte während mehr als einem halben Jahrhundert an der Spitze des Verteidigungsministeriums das kubanische Militär zur unerschütterlichen Stütze des Regimes und zum uneingeschränkten Herrscher über die Wirtschaft des Landes gemacht.

          Jeder fünfte Kubaner hat die Insel verlassen

          Carlos Alberto Montaner aber geriet früh in die Mühle der Verfolgung all jener, die sich der Herrschaft der Castros nicht bedingungslos unterwerfen wollten. Als Konterrevolutionär wurde der damals 17 Jahre alte Jugendliche Ende 1960 verhaftet und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Montaner gelang die Flucht aus dem Gefängnis, er fand Zuflucht in der venezolanischen Botschaft und wurde im September 1961 ausgeflogen. Er ist bis heute nicht in seine Heimat zurückgekehrt.

          Fast ein Fünftel der Bevölkerung Kubas hat die Insel seit der Revolution der Castros von 1959 verlassen. Die meisten flohen vor Armut und Aussichtslosigkeit, nicht wegen politischer Verfolgung. Es wären gewiss noch mehr gewesen, wäre Kuba keine Insel. Das Reich der Castros ist eine linke Militärdiktatur, in der jede Regung der Bevölkerung strengstens überwacht und jeder Unbotmäßigkeit unnachgiebig betraft wird. Fidel war – nach den Worten Montaners – eine „karibische Mischung von Napoleon und Lenin“. Er war zudem ein ideologisch elastischer Machtmensch, der ultimative Macho und Caudillo, ein Charmeur und Manipulierer von Graden, mehr Taktiker als Stratege, intelligent und starrköpfig, narzisstisch und paranoid.

          Die Vorbildfunktion ist weg

          Sein polit-ideologisches Leitmotiv war zeitlebens die Gegnerschaft zum „Imperium“, zu den Vereinigten Staaten. Washington seinerseits sah in Castro – dem Verbündeten der Sowjetunion buchstäblich vor der Haustür – über Jahrzehnte hinweg und auch über das Ende des Kalten Krieges hinaus einen gefährlichen Gegner. Den man aber weder mit Militärinterventionen noch mit Wirtschaftssanktionen stürzen konnte. Auch die Umarmungsstrategie von Präsident Barack Obama vermochte das Machtmonopol der Castros nicht aufzuweichen.

          Zumal in Lateinamerika und auch anderswo in der Welt wurde das kleine Kuba vielerorts als heldenhafter David verehrt, der sich dem Goliath des Nordens widersetzte. Der Anti-Amerikanismus verband, was sonst nicht viel gemein hatte. Noch während der „roten Welle“ linker Herrschaft in vielen Staaten Lateinamerikas nach der Jahrtausendwende fand Fidel Castro viele Anhänger und Nachahmer: von Hugo Chávez in Venezuela und Rafael Correa in Ecuador über Nestor Kirchner in Argentinien und Pepe Mujica in Uruguay bis zu Ollanta Humala in Peru und Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien. Doch nun ist diese Welle verebbt, und die linke Diktatur von Fidel und Raúl Castro hat ihren Vorbildcharakter unwiederbringlich verloren.

          Die Völker und Nationen Lateinamerikas wollen sich die hart erkämpfte Demokratie nicht mehr nehmen lassen, sie haben genug von Machtanmaßung und Korruption. Mit Fidel Castro sind die Caudillos – die linken wie die rechten – in Lateinamerika ausgestorben. Selbst ein populistischer Präsident Donald Trump wird ihnen nicht zur Wiederauferstehung verhelfen.

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