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Der Fall Michael Brown : Die süßen Früchte des Zorns

Angespannte Lage: Protest vor der Polizeizentrale von Ferguson Bild: AP

Eine Grand Jury mit zwölf Geschworenen soll entscheiden, ob der Polizist, der Michael Brown im amerikanischen Ferguson erschoss, angeklagt wird. Viele Bürger sind betrübt, dass schon jetzt apokalyptische Straßenschlachten heraufbeschwört werden, falls es nicht zu einer Anklage kommt.

          3 Min.

          Es ist friedlich in Ferguson. Wenn man den „Citywalk“ hinunterspaziert - die vom Club der Einzelhändler beflaggte Straße mit kleinen Geschäften zwischen Stadtbücherei und Feuerwehr -, hört man schon von weitem die Trompetentöne. „Glory, Glory Hallelujah“ ist der Refrain der „Battle Hymn of the Republic“. Der Text wurde im Amerikanischen Bürgerkrieg niedergeschrieben und gewinnt dem massenhaften Blutvergießen einen heilsgeschichtlichen Sinn ab. Der Herr ist gekommen, verkündet die erste Strophe, und keltert die Früchte des Zorns.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Eine kleine Schar von Demonstranten, nicht mehr als zehn, hat sich am Samstagnachmittag gegenüber der Polizeiwache von Ferguson versammelt. Wenn ein Auto vorbeifährt, reißen sie die Arme empor, zu Ehren von Michael Brown, dem 18 Jahre alten Mann, der nach Aussage von Zeugen die Hände erhoben hatte, als er am 9. August auf offener Straße von einem Polizisten erschossen wurde. Autofahrer hupen, um ihre Solidarität zu bekunden.

          Ferguson wartet auf die Entscheidung der zwölf Geschworenen, die in Clayton, einer anderen Vorstadt von St. Louis, darüber beraten, ob Darren Wilson, der Polizist, angeklagt werden soll. Die Grand Jury ist seit drei Monaten mit dem Fall befasst und wird am Montag wieder zusammentreten. Der Staatsanwalt ist nicht der Herr des Verfahrens; die Grand Jury befindet darüber, wann sie genug Beweise gehört hat.

          Straßenschlachten oder friedliche Proteste?

          Die Ladenbesitzer am „Citywalk“ sind betrübt über Presseberichte, die für den Fall, dass die neun Stimmen für eine Anklage nicht zusammenkommen, apokalyptische Straßenschlachten beschwören. Eugene Gillis, der Trompeter, hofft, dass die Tradition des friedlichen Protests sich durchsetzen wird, die Botschaft von Martin Luther King. Der 56 Jahre alte Gillis - der selbst einmal Polizist war beim Sheriff von Lake County, Indiana - arbeitet bei General Motors und ist Pastor einer sehr kleinen Gemeinde.

          Für das Megaphon, sagt er, hat der liebe Gott ihm kein Talent mitgegeben. Ihm genügt ein Zuhörer für seine Predigten. Den jungen Demonstranten setzt er das Vermächtnis von Martin Luther King auseinander: Eine Protestbewegung brauche Anführer, und auch im Privatleben, in den Familien, müsse man sich wieder auf Autorität und Verantwortung besinnen. Gillis hat zwei Töchter ohne Mutter großgezogen.

          Während die Trompete schweigt, sorgt die Trommel dafür, dass die Polizisten auf der anderen Straßenseite, die den ganzen Nachmittag über unsichtbar bleiben, keine Ruhe bekommen. Walter Rice, zwanzig Jahre älter als Gillis, schlägt mit einem Löffel auf einen Stahlbottich. Zwei Trommeln hat er schon verschlissen, seit er hier Tag für Tag Gewissenswache schiebt. Mit einem Hammer hat ein übereifriger Kamerad in einen der Blecheimer ein Loch geschlagen.

          Die Forderung nach Gerechtigkeit als Antrieb

          In Julia Ward Howes Schlachtgesang der Republik wird die Rache des Herrn mit dem Blitzschlag verglichen. Walter Rice ist wirklich vom Blitz getroffen worden, als zehn Jahre alter Junge. Er nahm sein Überleben als Zeichen des Himmels und bekehrte sich zu Jesus. Christen glauben, sagt er, dass die Seele eines Verstorbenen sich einem Lebenden zuwenden kann, um ihn um etwas zu bitten. So führt er einen Auftrag von Michael Brown aus, den er „Big Mike“ nennt, wenn er dafür sorgt, dass den Kollegen des Todesschützen die verweigerte Sühne in den Ohren dröhnt.

          Als Bürger von Ferguson verlangt Walter Rice Gerechtigkeit, der stolz darauf ist, mit seinen Steuern den Bürgersteig bezahlt zu haben, auf dem er steht. 1948 ist seine Familie aus Alabama hierhergekommen. Schon mit fünf Jahren hatte Walter Baumwolle pflücken müssen. In Ferguson kam er in die Schule. Als man ihm sagte, dass eine „white lady“ seine Lehrerin sein werde, musste er nachfragen.

          Von Menschen, die mit diesem Adjektiv beschrieben werden, hatte er in den ersten zehn Jahren seines Lebens nie gehört. Dass er die Schule abschließen konnte, schreibt er der Förderung durch Vincent McCluer zu, den Leiter der Schulbehörde. „Ich sage den Polizisten, dass ich hier auch wegen Mr. McCluer stehe, aber sie wissen gar nicht, wer Mr. McCluer war.“ Das muss man wohl verstehen, auch wenn nach McCluer eine Schule benannt ist. McCluers Amtszeit endete 1964.

          Zurück zur genealogischen Forschung

          Seine Schirmmütze weist Walter Rice als Vietnam-Veteranen aus. Er wurde eingezogen und diente 19 Jahre lang. Danach arbeitete er 20 Jahre für die Bundesregierung, in der kartographischen Abteilung der Heeresverwaltung. Sein Bruder ist Geistlicher und hat ihm einen Vorwurf daraus gemacht, dass er ein Hemd mit einer Liebeserklärung an Ferguson trägt. Ferguson sei doch vom Krebs befallen.

          Aber nach Überzeugung von Rice gibt es unter den Polizisten der kleinen Stadt nur einen schlechten Menschen. Wie der Polizeichef am Freitag mitteilte, wird Darren Wilson unabhängig vom Ausgang des Verfahrens der Grand Jury wohl nicht auf die Wache zurückkehren. „Sie sollen ihn verhaften“, sagt Rice. „Dann packe ich meine Trommel ein und kehre zu meinen genealogischen Forschungen zurück.“ Kürzlich hat er eine DNA-Analyse machen lassen. Er weiß jetzt, dass er zu zwei Dritteln Afro-Amerikaner ist und zu je einem Zehntel Indianer und Schwede.

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