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Unruhen in Ferguson : Das umstrittene Vermächtnis des Michael Brown

Schwere Ausschreitungen: Polizisten gehen am Sonntag in Ferguson mit Tränengas gegen Demonstranten vor. Bild: AFP

Zum zweiten Mal ist an der Leiche des Jugendlichen, der in Missouri von einem Polizisten getötet wurde, eine Autopsie vorgenommen worden. Und die Ergebnisse wecken Zweifel an Aussagen von Augenzeugen. Die Bewohner der Vorstadt Ferguson sehen in Michael Brown einen Märtyrer.

          6 Min.

          Hauptmann Ronald S. Johnson von der Autobahnpolizei des Bundesstaats Missouri stand am Sonntagnachmittag hinter dem gläsernen Lesepult der Greater Grace Church in Ferguson. Vor ihm lag keine aufgeschlagene Bibel, kein Predigtmanuskript, kein Stichwortzettel. Er sprach frei, wie er ohne Unterlass in freimütiger Rede und direkter Ansprache um Vertrauen geworben hat, seit Gouverneur Nixon ihm am Donnerstag die Verantwortung für die Herstellung des öffentlichen Friedens in Ferguson übertragen hatte. Michael Brown, ein Achtzehnjähriger ohne Waffen, wurde am Samstag vergangener Woche von einem Streifenpolizisten erschossen. Seitdem hat es in der Vorstadt nördlich von St. Louis eine Kette von Demonstrationen und Straßenschlachten gegeben.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Hauptmann Johnson, 51 Jahre alt, hat die Statur, die Glatze, den Schnurrbart, die tiefe Stimme und den Stolz eines Polizeibeamten, des geborenen Repräsentanten geliehener Autorität. Er ist in Ferguson aufgewachsen und ging zur Polizei, weil er seinen Onkel bewunderte, der eine Uniform trug. Im Bußgottesdienst am Sonntag gestand er, dass er sich seiner Uniform schämt. Er bat Michael Browns Angehörige um Vergebung, weil er Uniformträger ist. Die Greater Grace Church ist eine Pfingstgemeinde, gegründet vor dreißig Jahren von Bischof L. O. Jones, der ihr immer noch vorsteht. Das Glaubensbekenntnis der Gemeinde schließt die Gewissheit ein, dass Gott auch heute noch Wunder wirkt und Kranke und Verletzte heilen kann.

          Polizisten wussten nichts von Vorkommnissen im Tabakladen

          Es war fast ein Wunder, dass am Donnerstagabend der rituelle Gewaltausbruch ausblieb, nachdem Hauptmann Johnson an der Spitze des Demonstrationszugs marschiert war. Am Freitag war es mit dem Frieden schon wieder vorüber. Ohne die Autobahnpolizei zu informieren, veröffentlichte Tom Jackson, der Chef der örtlichen Polizei, ein Überwachungsvideo, auf dem angeblich Michael Brown zu sehen ist, wie er in einem Tabakgeschäft eine Schachtel Zigarillos stiehlt und handgreiflich gegenüber einem Verkäufer wird.

          Jackson musste später zugeben, dass Darren Wilson, einer von fünfzig Weißen unter den 53 Polizisten von Ferguson, Brown nicht als Verdächtigen in der Zigarillosache erkannt hatte, als er ihn aufforderte, den Bürgersteig zu benutzen. Am Freitagabend gab es wieder Ausschreitungen. Seitdem sind sie von Nacht zu Nacht schlimmer geworden, obwohl der Gouverneur eine Ausgangssperre für die Zeit von Mitternacht bis fünf Uhr früh verhängt hatte.

          Bürgerrechtler prangert virtuelle Leichenschändung an

          Al Sharpton, der Bürgerrechtler aus New York, predigte am Sonntag in einer anderen Kirche in Ferguson. Er verurteilte die Veröffentlichung des Videos als einen Akt der virtuellen Leichenschändung und kritisierte, dass die Polizei von Raub gesprochen hatte. In seinen Augen zeige das Überwachungsvideo nur einen Ladendiebstahl.

          Auch wenn Michael Brown wirklich ein Ladendieb oder sogar ein Gelegenheitsräuber gewesen ist, wird das wohl kaum das Bild von ihm verändern, das seine Nachbarn im Gedächtnis behalten. Sie wissen, dass dort, wo Michael Brown aufwuchs, Eigentumsdelikte eine alltägliche Versuchung sind. Das schwang mit, als seine Mutter davon sprach, wie viel Kraft es sie gekostet habe, ihn dazu zu bringen, die Schule abzuschließen.

          Demonstranten in Ferguson: Schwarze sind auch Menschen
          Demonstranten in Ferguson: Schwarze sind auch Menschen : Bild: AFP

          Im Auftrag der Familie Brown hat Michael Baden, der frühere Chef der Gerichtsmedizin der Stadt New York, eine zweite Autopsie vorgenommen. Eine dritte Untersuchung des Leichnams durch Gerichtsmediziner des Bundes ordnete unterdessen Justizminister Eric Holder an. Badens Ergebnisse, die er am Montag vor der Presse erläuterte, widersprechen der Darstellung von Dorian Johnson, dem Freund von Michael Brown und mutmaßlichen Komplizen im Tabakgeschäft, Wilson habe Brown in den Rücken geschossen.

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