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Schütze von Ferguson : Darren Wilsons widerspruchslose Geschichte

Bild: AP/ABC News

Darren Wilsons Anwälte loben ihren Mandanten dafür, dass er sich in seinen Aussagen über den Tod des schwarzen Jugendlichen Michael Brown nicht in Widersprüche verwickelt hat. Der Polizist soll nun straffrei ausgehen. Seine Zukunft ist dennoch ungewiss.

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          Darren Wilson glaubt nicht, dass er seinen Beruf verfehlt hat. In seinem ersten Fernsehinterview erklärte der mittlerweile von seinen Dienstpflichten befreite Polizeibeamte der Kleinstadt Ferguson in Missouri: „Ich weiß, dass ich meine Arbeit richtig gemacht habe.“ Seine Arbeit schloss am 9. August dieses Jahres die Erschießung eines unbewaffneten Jugendlichen ein, der sich der Aufforderung widersetzte, den Bürgersteig zu benutzen. Auf die Frage von George Stephanopoulos, des Talkshowmoderators und ehemaligen Imageberaters von Präsident Clinton, ob er im Rückblick auf seine tödliche Auseinandersetzung mit Michael Brown im Wiederholungsfall etwas anders machen würde, sagte Wilson im Fernsehsender ABC: „Nein.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Man muss das nicht als Ausdruck von Kaltherzigkeit nehmen. Es gehört zu Wilsons professionellem Selbstverständnis, dass er sein eigenes Verhalten objektiv betrachten will, ohne sich von Gefühlen den Blick trüben zu lassen. Bei der Beantwortung der Frage von Stephanopoulos äußerte sich Wilson sozusagen als sein eigener Kollege. Der Common sense der Berufsgenossen hat bei der Bewertung des möglicherweise unverhältnismäßigen Gewalteinsatzes von Polizisten nicht nur eine moralische Bedeutung.

          Das mutmaßliche kollegiale Urteil ist in den Vereinigten Staaten in solchen Fällen auch ein rechtliches Kriterium. Nach den einschlägigen Grundsatzurteilen des Obersten Gerichtshofs kommt es auf die objektive Vernünftigkeit der Handlungen des Polizisten an – und die Objektivität soll der hypothetische Konsens der Profession verbürgen. Die entscheidende Frage lautet: Hätte sich ein normaler Polizist in der gleichen Situation genauso verhalten?

          Nie wieder Polizist in Ferguson

          In den Beruf, an dem er nicht irre geworden ist, wird der achtundzwanzigjährige Wilson dennoch nicht zurückkehren. Schon vor der Entscheidung der Grand Jury über eine Anklagerhebung hatte der Polizeichef von Ferguson Ende vergangener Woche mitgeteilt, dass man mit Wilson über eine Aufhebung seines Arbeitsvertrags verhandele. Jetzt haben seine Anwälte in der „Washington Post“ offenbart, dass er ihrem Rat folgend seinen Beruf aufgeben wird.

          Noch am Montag hatte der Vorsitzende einer Polizeigewerkschaft von St. Louis einem lokalen Radiosender gesagt, nichts spreche gegen eine Rückkehr Wilsons in den Polizeidienst von Ferguson oder einer Nachbargemeinde. Es komme schließlich alle Tage vor, dass ein Polizist wegen des Verdachts des ungerechtfertigten Schusswaffengebrauchs pausiere und nach Abschluss der Untersuchungen seinen Dienst wieder aufnehme.

          Eine Aufnahme vom Tatort in Ferguson, die die Polizei von St. Loius nun veröffentlichte Bilderstrecke

          Rechtsanwalt James Towey schilderte der „Washington Post“ nun, wie er Wilson vor Augen führte, was ihn bei einer möglichen Fortsetzung seiner Laufbahn erwarten würde. „Ich glaube, ich habe es so ausgedrückt: Ist Ihnen klar, dass man Sie bei erster Gelegenheit mit einem fingierten Notruf in eine Sackgasse locken wird, um Sie hinzurichten?“

          Die mit dem Fall Missouri gegen Darren Wilson befasste Grand Jury hatte eine Anklageerhebung abgelehnt, weil die Geschworenen nach drei Monaten der Anhörung von Zeugen und Sichtung von Beweismaterial zu dem Schluss gekommen waren, dass die Darstellung des Polizisten, bei der Erschießung von Michael Brown in Notwehr gehandelt zu haben, in einem Strafprozess nicht erschüttert werden könnte.

          Staatsanwalt Robert McCulloch, der die Öffentlichkeit am Montag über die Entscheidung informierte, gab noch am selben Abend nach Einholung einer richterlichen Genehmigung das vollständige Protokoll der Untersuchung mit einem Umfang von 4799 Seiten frei. Nicht dokumentiert sind die abschließenden Beratungen der Geschworenen in Abwesenheit der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Normalerweise sind die Verhandlungen einer Grand Jury geheim. In diesem Fall hat McCulloch das Protokoll veröffentlicht, damit sich die Öffentlichkeit von der Fairness des Verfahrens einen Begriff machen kann.

          Grand Jury ohne Rechtsanwälte

          Am Nachmittag des 16. September hatte der Beschuldigte selbst vor der Grand Jury ausgesagt. Das Protokoll der etwa vierstündigen Befragung füllt allein 85 Seiten. Kritiker der Staatsanwaltschaft haben aus dem Umstand, dass Wilson aussagte, darauf geschlossen, dass McCulloch von vornherein nicht das Ziel der Erwirkung eines Anklagebeschlusses verfolgt habe. Um sich nicht selbst zu belasten, hätte Wilson die Aussage ablehnen können. Zu den Sitzungen der Grand Jury sind Rechtsanwälte nicht zugelassen. Wilson hatte also keinen Rechtsbeistand bei sich, der unzulässigen Fragen der Staatsanwaltschaft hätte widersprechen können.

          Die Anwälte bestätigten jetzt gegenüber der „Washington Post“, wie ungewöhnlich die Aussagebereitschaft ihres Mandanten war. Darüber, wie ein Beschuldigter sich mindestens bis zum Beginn eines Strafprozesses klugerweise zu verhalten habe, sagte Rechtsanwalt Towey: „Jeder Anwalt, der halbwegs bei Trost ist, rät seinem Mandanten: Halte den Mund, sag kein Wort.“ McCulloch war bei den Verhandlungen der Grand Jury nicht zugegen. Die Vernehmungen nahmen zwei Staatsanwältinnen seiner Behörde vor.

          Wilson forderte Verstärkung an

          Wilsons Anwälte äußerten sich lobend darüber, dass ihr Mandant in den Vernehmungen wie später im Fernsehinterview stets dieselbe Geschichte ausgebreitet habe. Wie die Anwältin Danielle Thompson pointierend sagte, „könnte er sie auch im Schlaf erzählen“. Vor der Grand Jury stellte Wilson in zusammenhängendem Vortrag dar, wie sich am Mittag des 9. August in Ferguson die Konfrontation zutrug, die in seinen tödlichen Schüssen auf Michael Brown endete.

          Er war zu einer Familie mit einem medizinischen Notfall gerufen worden und befand sich auf der Rückfahrt, als er auf der Straße Canfield Drive zwei Fußgänger bemerkte, die auf dem Mittelstreifen gingen. Dass er sie aufforderte, die Fahrbahn zu verlassen, ist vielfach als Beispiel für die alltäglichen polizeilichen Schikanen bewertet worden, mit denen Schwarze in Wohngebieten wie Canfield Green leben müssen. Wilson sagte indes aus, dass mehrere Autos um die beiden Spaziergänger einen Bogen hätten machen müssen. Aus seiner Sicht gefährdeten die Männer also die Sicherheit des Straßenverkehrs und auch ihre eigene.

          Er gab an, dass ihm sofort der Größenunterschied der beiden Männer aufgefallen sei. Damit wird ein Leitmotiv der Aussage eingeführt: die hünenhafte Größe des achtzehnjährigen Brown, dem gegenüber der Polizist sich, wie er an späterer Stelle sagte, gefühlt habe wie ein Fünfjähriger in den Händen des Wrestling-Stars Hulk Hogan. Die Staatsanwältin musste hier nachfragen. Diese Referenzgröße des amerikanischen Schaugewerbes war ihr offenbar nicht vertraut.

          Noch vor dem ersten Wortwechsel will Wilson ein weiteres bezeichnendes Detail bemerkt haben, das Muster auf den gelben Socken Browns, der eine kurze Hose trug: die Marihuanapflanze. Erst als die Männer sich weigerten, seiner Aufforderung zum Verlassen der Fahrbahn nachzukommen, erkannte er, dass Brown der Beschreibung eines Mannes entsprach, der gemäß einer Durchsage des Polizeifunks verdächtig war, wenige Minuten zuvor einen Raub in einem Laden begangen zu haben. Wilson forderte Verstärkung an.

          „Er sah aus wie ein Dämon“

          Während Wilson durch das Autofenster mit Brown sprach, kam es zu einem Kampf der beiden Männer. Wilsons Angabe, Brown habe in diesem Handgemenge „komplette Kontrolle“ über die Dienstwaffe des Polizisten erlangt, wurde von einem Geschworenen in Zweifel gezogen, weil Wilsons Finger am Abzug blieb. Gegenüber der „New York Times“ äußerte Fred Bealefield, der frühere Polizeichef von Baltimore, die Einschätzung, dass sich durch den von Wilson beschriebenen Griff Browns nach der Waffe die Situation komplett verändert habe. „Wenn jemand auf der Straße nach meiner Waffe griff, habe ich geglaubt, er wolle mich töten.“

          Zwei Mal hat sich Brown nach Wilsons Darstellung ihm aggressiv wieder zugewandt, nachdem ihn schon eine Kugel getroffen hatte: zuerst während des Kampfes am Autofenster und dann noch einmal, als Brown schon davongelaufen war und sich umdrehte. Brown, wie Wilson ihn schildert, verhielt sich wie ein wildgewordenes Tier. Der tödlichen Bedrohung, die Wilson sah, verleiht in seiner Aussage Browns Miene zusätzliche Plausibilität, „das Gesicht, das er hatte“. Er habe „wie ein Dämon ausgesehen“. Schon bei seiner ersten Vernehmung am 10. August, dem Tag nach der Tat, hatte Wilson ausgesagt, er habe nie zuvor in ein solches Gesicht gesehen, das Gesicht eines Verrückten.

          Dem ersten Kollegen, der am Tatort eintraf, sagte Wilson: „Ich musste ihn töten.“ In diesem Sinne sagte jetzt sein Anwalt Neil Bruntrager der „Washington Post“: „Es ist etwas Furchtbares, jemanden ums Leben bringen zu müssen. Aber der Schlüsselbegriff lautet hier: müssen.“ Den Kontrast zwischen dem winzigen Anlass der Auseinandersetzung und dem tödlichen Ausgang wendet Wilson zu seinen Gunsten: „Ich habe noch nie so schnell so viel Aggression gesehen nach der schlichten Bitte, den Bürgersteig zu benutzen.“

          Weniger als eine Minute bis zum Todesschuss

          Zwischen dem Moment, da der Polizist die Männer sah, und seinem letzten Schuss auf Brown verging nach Wilsons Einschätzung weniger als eine Minute. Seine Gedanken in diesem kurzen Zeitraum legte er in seiner Aussage in Zeitlupe auseinander. Demnach ging er im Kopf alle weniger gewaltsamen Abwehrmöglichkeiten durch, bis die Schusswaffe als einzige Option verblieb – wie man es auf der Polizeischule lernt, wenn der Notwehrparagraph durchgenommen wird.

          Seine Erwägungen schlossen angeblich sogar ein Gerät ein, mit dem er gar nicht ausgerüstet war, die Elektroschockwaffe („taser“). Wie er vor der Grand Jury sagte, war es ihm zu unbequem, diese sanftere Waffe bei sich zu führen. Gegenüber der „New York Times“ äußerte Fred Davis, der frühere Polizeichef von Boston, sein Unverständnis darüber, dass man in Ferguson auf eine solche abgestufte Bewaffnung verzichte und 35 Jahre hinter dem Stand des Polizeihandwerks zurückbleibe.

          Für die Zweifel der Grand Jury an den Aussichten einer Anklage scheinen zwei Gesichtspunkte entscheidend gewesen zu sein. Erstens sind die gerichtsmedizinischen Beweise, deren objektiven Charakter Staatsanwalt McCulloch in der Pressekonferenz hervorhob, mit Wilsons Darstellung des Kampfes um seine Waffe vereinbar. Und zweitens gibt es Zeugen, die Michael Browns Bewegungen vor den letzten Schüssen als aggressiv beschreiben.

          In den meisten, wenn auch nicht in allen Punkten deckte sich Wilsons Schilderung des Geschehens im ABC-Interview mit seiner Aussage vor der Grand Jury. Dort hatte er angegeben, er habe das Auto verlassen, um weglaufen zu können. Von der Staatsanwältin damit konfrontiert, dass er mit dem Auto doch schneller gewesen wäre, sagte er nun im Fernsehen, es sei seine Pflicht gewesen, Brown nachzusetzen. Das Wohnviertel am Canfield Drive charakterisierte Wilson vor der Grand Jury als „Anti-Polizei-Gegend“. Die Polizei sei in dieser Gemeinschaft unbeliebt, und daher sei die Gemeinschaft in der Stadt unbeliebt.

          Vor den Geschworenen bezeichnete Wilson die Tötung eines Menschen im Zuge der Dienstausübung als „traumatische Erfahrung“. Vor dem Fernsehpublikum war von diesen psychischen Kosten einer mutmaßlich gerechtfertigten Handlung nicht mehr die Rede. Wilson meint, seine Berufspflicht getan zu haben, und hat deshalb, wie er bei ABC sagte, „ein reines Gewissen“.

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