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Schütze von Ferguson : Darren Wilsons widerspruchslose Geschichte

Grand Jury ohne Rechtsanwälte

Am Nachmittag des 16. September hatte der Beschuldigte selbst vor der Grand Jury ausgesagt. Das Protokoll der etwa vierstündigen Befragung füllt allein 85 Seiten. Kritiker der Staatsanwaltschaft haben aus dem Umstand, dass Wilson aussagte, darauf geschlossen, dass McCulloch von vornherein nicht das Ziel der Erwirkung eines Anklagebeschlusses verfolgt habe. Um sich nicht selbst zu belasten, hätte Wilson die Aussage ablehnen können. Zu den Sitzungen der Grand Jury sind Rechtsanwälte nicht zugelassen. Wilson hatte also keinen Rechtsbeistand bei sich, der unzulässigen Fragen der Staatsanwaltschaft hätte widersprechen können.

Die Anwälte bestätigten jetzt gegenüber der „Washington Post“, wie ungewöhnlich die Aussagebereitschaft ihres Mandanten war. Darüber, wie ein Beschuldigter sich mindestens bis zum Beginn eines Strafprozesses klugerweise zu verhalten habe, sagte Rechtsanwalt Towey: „Jeder Anwalt, der halbwegs bei Trost ist, rät seinem Mandanten: Halte den Mund, sag kein Wort.“ McCulloch war bei den Verhandlungen der Grand Jury nicht zugegen. Die Vernehmungen nahmen zwei Staatsanwältinnen seiner Behörde vor.

Wilson forderte Verstärkung an

Wilsons Anwälte äußerten sich lobend darüber, dass ihr Mandant in den Vernehmungen wie später im Fernsehinterview stets dieselbe Geschichte ausgebreitet habe. Wie die Anwältin Danielle Thompson pointierend sagte, „könnte er sie auch im Schlaf erzählen“. Vor der Grand Jury stellte Wilson in zusammenhängendem Vortrag dar, wie sich am Mittag des 9. August in Ferguson die Konfrontation zutrug, die in seinen tödlichen Schüssen auf Michael Brown endete.

Er war zu einer Familie mit einem medizinischen Notfall gerufen worden und befand sich auf der Rückfahrt, als er auf der Straße Canfield Drive zwei Fußgänger bemerkte, die auf dem Mittelstreifen gingen. Dass er sie aufforderte, die Fahrbahn zu verlassen, ist vielfach als Beispiel für die alltäglichen polizeilichen Schikanen bewertet worden, mit denen Schwarze in Wohngebieten wie Canfield Green leben müssen. Wilson sagte indes aus, dass mehrere Autos um die beiden Spaziergänger einen Bogen hätten machen müssen. Aus seiner Sicht gefährdeten die Männer also die Sicherheit des Straßenverkehrs und auch ihre eigene.

Er gab an, dass ihm sofort der Größenunterschied der beiden Männer aufgefallen sei. Damit wird ein Leitmotiv der Aussage eingeführt: die hünenhafte Größe des achtzehnjährigen Brown, dem gegenüber der Polizist sich, wie er an späterer Stelle sagte, gefühlt habe wie ein Fünfjähriger in den Händen des Wrestling-Stars Hulk Hogan. Die Staatsanwältin musste hier nachfragen. Diese Referenzgröße des amerikanischen Schaugewerbes war ihr offenbar nicht vertraut.

Noch vor dem ersten Wortwechsel will Wilson ein weiteres bezeichnendes Detail bemerkt haben, das Muster auf den gelben Socken Browns, der eine kurze Hose trug: die Marihuanapflanze. Erst als die Männer sich weigerten, seiner Aufforderung zum Verlassen der Fahrbahn nachzukommen, erkannte er, dass Brown der Beschreibung eines Mannes entsprach, der gemäß einer Durchsage des Polizeifunks verdächtig war, wenige Minuten zuvor einen Raub in einem Laden begangen zu haben. Wilson forderte Verstärkung an.

„Er sah aus wie ein Dämon“

Während Wilson durch das Autofenster mit Brown sprach, kam es zu einem Kampf der beiden Männer. Wilsons Angabe, Brown habe in diesem Handgemenge „komplette Kontrolle“ über die Dienstwaffe des Polizisten erlangt, wurde von einem Geschworenen in Zweifel gezogen, weil Wilsons Finger am Abzug blieb. Gegenüber der „New York Times“ äußerte Fred Bealefield, der frühere Polizeichef von Baltimore, die Einschätzung, dass sich durch den von Wilson beschriebenen Griff Browns nach der Waffe die Situation komplett verändert habe. „Wenn jemand auf der Straße nach meiner Waffe griff, habe ich geglaubt, er wolle mich töten.“

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