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Bill Clinton wird 70 : Verliebt ins Gebrauchtwerden

  • -Aktualisiert am

Auf dem nationalen Konvent der Demokraten hielt der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Bill Clinton, eine bewegende Rede über die jahrzehntelange Ehe mit seiner Frau Hilary, die nun für das Amt kandidiert. Bild: AFP

Bill Clinton schaffte es aus ärmsten Verhältnissen in die Weltpolitik. Unter ihm erlebte Amerika einen gigantischen Aufschwung: Jetzt könnte er zum ersten First Man werden. Eine Würdigung.

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          Vor fünf Jahren setzte sich Lady Gaga für Bill Clinton eine Marilyn-Monroe-Perücke auf. Auch Bono und Usher sangen auf dem Konzert, mit dem der frühere Präsident in Hollywood seinen 65. Geburtstag feierte und Spenden für seine Stiftung sammelte. An diesem Freitag wird Bill Clinton siebzig Jahre alt, und wieder stehen Prominente wie Cher, Leonardo DiCaprio oder Magic Johnson mit ihren Scheckbüchern Schlange.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Diesmal ist aber keine Geburtstagsgala für den Mann geplant, der Amerika in den neunziger Jahren neuen Wohlstand brachte, sondern eine Serie von „Fundraisern“ für Hillary Clinton. Sie will im November zur Präsidentin gewählt werden. So ungewiss es bleibt, wie sich die Rückkehr eines früheren Oberbefehlshabers ins Weiße Haus auswirkte, so klar ist Bill Clintons Rolle im Wahlkampf definiert: zweite Geige.

          „Bill Clinton liebt es, gebraucht zu werden“, schrieb sein Biograph David Maraniss, „und er braucht es, geliebt zu werden.“ Wieviel seine Beziehung zu Hillary 41 Jahre nach ihrer Hochzeit und 21 Jahre nach seiner Oval-Office-Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky mit Liebe zu tun habe, das fragen sich auch Vertraute. Am wechselseitigen Brauchen besteht jedoch kein Zweifel. Hillary Clinton vertraut auf den Rat ihres Mannes. Mehrmals täglich telefonieren sie.

          Bills Tour durch die Turnhallen der Provinz dienen nicht allein dazu, die Werbetrommel zu rühren, wo Hillary es nicht hinschafft. Er ist auf Erkundungsmission. Der Vollblutpolitiker erspürt Stimmungen, gibt seine Erkenntnisse weiter - und bleibt im Hintergrund. Im Vorwahlkampf vor acht Jahren war das anders. Bill Clinton sah in Barack Obama einen Emporkömmling, der im Vergleich zu Hillary nichts geleistet habe, und er machte daraus kein Hehl. Die negative Energie brachte seiner Frau nur negative Schlagzeilen. Diesmal ist Bill Clinton auf Optimismus abonniert.

          Von ganz unten nach ganz oben

          Das liegt ihm besser. Clinton hat es aus armen Verhältnissen nach ganz oben gebracht, aus dem Südstaatenstädtchen Hope nach Washington und New York. Sein Stiefvater war ein Trinker und schlug Bills Mutter. Bill studierte an den besten Universitäten, lernte Hillary in Yale kennen und hätte gleich an der Ostküste Karriere machen können, strebte aber zurück nach Arkansas. Dort wurde er mit 32 Jahren Gouverneur. Im Präsidentenwahlkampf 1992 vermarktete er Hillary und sich als „zwei zum Preis von einem“. Clinton konnte im Amt die Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges auskosten, musste den Europäern allerdings auf dem Balkan militärisch zur Hilfe kommen. Auch mit Reformen, die Sozialhilfeempfängern mehr Einsatz abverlangten, konsolidierte er den Haushalt. Zum bisher letzten Mal erlebte Amerika einen Aufschwung, der in der ganzen Bevölkerung ankam.

          Der Handschlag von Jassir Arafat und Yitzhak Rabin besiegelte einen historischen, wenngleich nicht dauerhaften Friedensschluss. Drei Fehler kreidet Clinton sich an: Während er wegen der Lewinsky-Affäre gegen seine Amtsenthebung kämpfte, vernachlässigte Amerika die Jagd auf Al Qaida. Eine Strafrechtsreform führte zu übermäßig harschen Haftstrafen vor allem für Afroamerikaner. Und Clinton übersah, was sich mit dem Derivatehandel an der Wall Street zusammenbraute.

          Trotz der Skandale verließ Clinton das Weiße Haus als populärer Politiker. Zunächst umgab er sich mit neuen Freunden aus der New Yorker Schickeria, darunter schillernde Multimillionäre. Er bereiste die Welt als einer ihrer höchstdotierten Redner, aber auch als nimmermüder Problemanalytiker und humanitärer Macher. Seine Stiftung wuchs rasch und in viele Richtungen. Nach einer vierfachen Bypass-Operation im Jahr 2004 stieg der Burger-Liebhaber auf vegane Kost um und verlor an physischer Präsenz. Doch er erlahmte nicht. Besonders im Kampf gegen Aids hat seine Stiftung viel erreicht.

          Es ist nicht ausgemacht, dass sich Bill Clinton im Fall eines Wahlsiegs aus der Stiftung verabschieden und in die repräsentativen Aufgaben eines „First Gentleman“ stürzen würde. Hillary müsse „entscheiden, was meine beste Verwendung wäre“, sagt der frühere Präsident brav. Doch alle wissen: Wenn Bill Clinton sich nicht gebraucht fühlt, dann gibt es Ärger.

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