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Migration : Flucht und Übertreibung in Arizona

Oracle, Arizona: Proteste gegen Flüchtlinge, die über Mexiko nach Amerika wollen Bild: REUTERS

Das Thema Einwanderung spaltet die Vereinigten Staaten. Jetzt kommt ein neuer Aspekt hinzu. Aus Mittelamerika reisen viele Kinder ein. Was tun mit den „unbegleiteten Minderjährigen“?

          10 Min.

          Wir haben doch nichts gegen Kinder“, sagt Lois Black und richtet sich entrüstet in ihrem Campingstuhl auf. „Aber manche von denen bringen Tuberkulose oder Windpocken mit. Und zwar nicht die normalen, sondern ganz schlimme.“ Hinter der Rentnerin, die früher bei Walmart kassierte, steht Ron Thompson. Er trägt auf seiner sandfarbenen Weste das Abzeichen der „Arizona Border Defenders“ und „verteidigt“ nachts mit anderen Freiwilligen die Grenze gegen illegale Einwanderer.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          „Wir sind eine Art Such- und Rettungsdienst“, sagt der pensionierte Polizist und grinst breit. Manche der mittelamerikanischen Kinder, die seit Monaten zu Abertausenden in die Vereinigten Staaten strömen, seien mit der Schweinegrippe infiziert, hat er gehört. Thompson bezweifelt, dass die Gesundheitsbehörde alles im Griff hat. „Und das Dengue-Virus etwa ist sowieso kaum feststellbar.“ Es dauert etwas, bis sich auch Marilyn Melton mit ihrer leisen Stimme Gehör verschafft.

          Sie sitzt zwei Klappsessel neben Lois Black unter der Zeltplane, die den Demonstranten an der Wüstenpiste bei Oracle Schatten spendet. „Wenn erst der Winter kommt“, unkt sie, „dann werden sich diese schrecklichen Krankheiten rasend schnell verbreiten.“ Die Wutbürger von Oracle, einer Ansammlung verstreuter Häuser und Ranches mit gut 3.500 Einwohnern, sagen es klar: „Wir wollen die hier nicht.“

          „Ich habe solche Angst um meine Enkel!“

          Die, das sind nach Gerüchten vierzig bis sechzig der bisher knapp 60.000 Minderjährigen vor allem aus Honduras, El Salvador und Guatemala, die sich seit dem vorigen Herbst ohne Eltern bis Texas durchgeschlagen haben und nun irgendwo auf ihre Anerkennung als Flüchtling oder ihre Abschiebung warten müssen. Hier, das ist die „Sycamore Boys Ranch“ im sandigen Nirgendwo von Arizona, wo schwererziehbaren Jugendlichen zwischen Riesenkakteen Disziplin beigebracht wird und die Bundesregierung offenbar ein paar Dutzend junge Immigranten unterbringen will.

          Eine junge Frau aus Honduras, die von den Grenzschützern in Texas aufgegriffen worden ist, zeigt ihre Dokumente vor. Bilderstrecke
          Migration nach Amerika : Soldaten am Rio Grande

          Wer zur „Boys Ranch“ will, muss von dem kleinen Protestlager aus noch vier kurvenreiche Meilen die Schotterstraße hochfahren. Doch Marilyn Melton lässt sich nicht von dem Hinweis beruhigen, dass die Ausländerkinder weit entfernt von der Schule und den Läden im Ort untergebracht seien. Ihr ist bang, böse wirkt sie nicht. „Ich habe solche Angst um meine Enkel!“ Es ist erst halb zehn am Samstagmorgen, aber die Sonne hat die Mount Lemmon Road schon auf mehr als 35 Grad erhitzt. Trotzdem sitzen einige der gut zwanzig Demonstranten schon den fünften Tag in Folge hier.

          Es sind immer dieselben Pritschen- und Geländewagen, die an ihren Flaggen und Plakaten vorbeifahren. Darauf stehen Parolen wie „Setzt den Diktator ab“ oder „Non-Yankees Go Home“. Ihre Meinungen über die Kinder und Jugendlichen, die Mexiko meist halsbrecherisch auf dem Dach eines nicht grundlos „La Bestia“ genannten Güterzugs durchqueren, bevor sie den Rio Grande durchwaten und sich in Texas den Gesetzeshütern stellen, haben die aufgebrachten älteren Leute längst ausgetauscht.

          Auch ihrer Verachtung für Barack Obama haben sie einander ausgiebig versichert. Aber manchmal belebt ein neues Gerücht die Runde. „Wie ich höre“, verkündet Ron Thompson von der Bürgermiliz gewichtig, „sind die Kinder heute Nacht angekommen.“ Die Regierung habe ihren Gegnern, die in Zelten Wache hielten, ein Schnippchen geschlagen und den Transport über die gefährlichere Zufahrt von Süden aus abgewickelt. „Das ist doch verrückt, nachts mit einem Bus voller Kinder“, sagt Thompson.

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