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Lula im Gespräch : „Diese Krise macht mir keine Angst“

Luíz Inácio Lula da Silva im F.A.Z.-Gespräch Bild: Matthias Lüdecke

Brasiliens früherer Staatschef Lula da Silva schließt eine abermalige Kandidatur nicht aus. Der Krise in seinem Land setzt er viel Optimismus entgegen. Das Amtsenthebungsverfahren gegen seine Nachfolgerin nennt er „Wahnsinn“. Eine Begegnung.

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          Der frühere brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist guter Dinge, daran ändert auch der 7:1-Vergleich des Moderators zu Beginn des Gespräches nichts. Ob die krachende Niederlage der Seleção im WM-Halbfinale symptomatisch sei für die derzeitige Lage Brasiliens, fragt er. Die Wirtschaft des Landes liegt schließlich am Boden, um 4,5 Prozent ist sie im vergangenen Jahr geschrumpft. Fast eine Million Arbeitsplätze ging seither verloren. Die Inflation ist wieder zweistellig, zum ersten Mal seit Lulas Amtsantritt, damals im Jahr 2003. Und jetzt, auf dem Podium der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, antwortet er: „Diese Krise macht mir keine Angst.“ Sie sei wie Fieber. „Ein fieberkrankes Kind schmeißt man ja auch nicht weg. Man kümmert sich darum, so wie wir uns jetzt eben um Brasilien kümmern müssen.“

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nachdem Lula Ende 2010 aus dem Präsidentenpalast in Brasília ausgezogen war, um Platz zu machen für seine Vertraute und Nachfolgerin Dilma Rousseff, wurde es eine Zeit lang ruhig um ihn. Er musste wegen Kehlkopfkrebs behandelt werden. Erfolgreich, sagt er. Die Krankheit sei geheilt, nur noch zwei abschließende Untersuchungen stünden aus. Und sein Terminkalender ist, auch ohne politisches Amt, wieder voll: eine Rede bei der Schwesterpartei SPD, danach das Podiumsgespräch, das Lula mit seinem unerschütterlichen Optimismus und den Anekdoten aus seinem Leben als Armenkind, Metallarbeiter, Gewerkschaftsführer und Staatspräsident kapert wie ein Alleinunterhalter. (Von seinem ersten Treffen mit dem Präsidenten des von ihm so lange verhassten Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler, erzählt er: „Stellen Sie sich vor, ein Deutscher, der mich umarmte und weinte, als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte. Da sagte ich mir: Ich hab das Herz eines Deutschen erobert, jetzt wird alles gut in meinem Land.“) Am nächsten Morgen dann ein Gespräch mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, weiter nach Spanien zum früheren Amtskollegen Felipe González, zu König Felipe. Und heim nach Brasilien, wo Lula längst zurück in den Schlagzeilen ist.

          „Ein Ex-Präsident darf nicht demjenigen in die Quere kommen, der regiert. Ich habe aber entschieden, wieder mit der Presse zu sprechen und in den politischen Disput einzusteigen, weil die Presse mich sowieso behandelt, als wäre ich Kandidat für 2018“, sagt Lula zwischen all seinen Terminen im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und, wäre er gern nochmal Präsident? „Nein, nein, wer einmal Präsident war und so erfolgreiche Amtszeiten hatte wie ich, hat keine Lust zurückzukehren.“ Schließt er eine Kandidatur also aus? „Die einzige Möglichkeit, dass ich kandidiere, ist, dass Brasilien Gefahr läuft, einen Präsidenten zu bekommen, der all das zurückdrehen würde, was wir erreicht haben.“ Und er zählt auf: 36 Millionen Brasilianer aus der absoluten Armut aufgestiegen, 40 Millionen in die Mittelklasse, die Zahl der Studenten verdoppelt, die Zahl der Schüler an technischen Schulen verdreifacht.

          Als Lula aus dem Amt schied, war er auf dem Höhepunkt seiner Popularität, mehr als 80 Prozent aller Brasilianer waren zufrieden mit ihm. Doch diese Eintracht ist dahin. Inzwischen sagen 55 Prozent, sie würden Lula „auf keinen Fall“ wählen. Einerseits. Andererseits sagen noch immer 23 Prozent, sie würden ihn „unter allen Umständen“ wählen. So viel Zustimmung hat sonst kein Spitzenpolitiker. Lulas Parteigenossin Dilma Rousseff, die amtierende Präsidentin, finden nicht einmal mehr zehn Prozent gut.

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