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Ecuador : Ausverkauf des Regenwaldes

  • -Aktualisiert am

„Ecuador liebt das Leben nicht“: Demonstranten vor dem Regierungssitz in Quito Bild: AP

Zum Schutz eines Naturparks wollte Ecuador auf die Ausbeutung von Erdölfeldern verzichten und sich dafür von der internationalen Gemeinschaft entschädigen lassen. Das Geld blieb aus. Nun soll gerodet werden.

          Eine ehrgeizige Initiative zum Schutz des Regenwaldes in Ecuador ist gescheitert. Vor sechs Jahren hatte der ecuadorianische Staatspräsident Rafael Correa vor den Vereinten Nationen angeboten, umfangreiche Erdölreserven in einem besonders schützenswerten Teil der Amazonasregion seines Landes nicht auszubeuten. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die internationale Gemeinschaft Ecuador für die Hälfte der entgehenden Einnahmen entschädige.

          Der Vorschlag sorgte weltweit für Aufsehen. Denn seit langem erklären Umweltexperten, dass arme Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern die Natur vor allem dann schützen und Regenwälder stehen lassen, wenn ihnen dies einen wirtschaftlichen Vorteil bringt. Doch nun erklärte Staatschef Correa die Initiative für beendet. „Mit tiefer Trauer, aber auch mit absoluter Verantwortung gegenüber unserem Volk und unser Geschichte, habe ich eine der schwersten Entscheidungen meiner Amtszeit treffen müssen“, sagte Correa am Donnerstagabend in einer vom staatlichen Fernsehen übertragenen Ansprache.

          „Die Welt hat uns im Stich gelassen“

          Rund 3,6 Milliarden Dollar hatte Ecuador im Ausland einsammeln wollen, die Hälfte der ursprünglich auf rund 7 Milliarden Dollar geschätzten Einnahmenausfälle. Doch nur 13,3 Millionen seien bisher gezahlt worden, weitere Zusagen addierten sich auf lediglich 116 Millionen Dollar. „Die Welt hat uns im Stich gelassen“, sagte Correa. Schon in den nächsten Wochen werde das Staatsunternehmen Petroamazonas darum mit ersten Erschließungsarbeiten beginnen.

          Rund 920 Millionen Fass Erdöl sollen in den Lagerstätten Ishpingo, Tambococha und Tiputini (ITT) mitten in dem Schutzgebiet Yasuní ruhen. Der Nationalpark Yasuní, der ein Gebiet von der vierfachen Größe des Saarlandes umfasst, war 1989 von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt worden. Der Naturpark gilt weltweit als die Region mit der größten Biodiversität. Auf einem einzigen Hektar des Yasuní sollen mehr Baumarten existieren als in den Vereinigten Staaten und Kanada zusammen, heißt es.

          Der Yasuni-Nationalpark in Ecuador

          In jedem einzelnen dieser Bäume gebe es eine größere Vielfalt von Käfern als in ganz Europa, erklären Umweltexperten. Unterschiedliche Indianerstämme leben im Yasuní noch in freiwilliger Zurückgezogenheit von der Zivilisation. Neben dem Schutz der Ureinwohner und der Biodiversität sollten mehr als 400 Millionen Tonnen CO2-Emissionen durch den Verzicht auf die Ausbeutung des Yasuní-ÖLs vermieden werden.

          Staaten, internationale Organisationen und Unternehmen sollten Ausgleichzahlungen in einen Fonds einzahlen und dafür Zertifikate erhalten, die den Verbleib des Öls im Boden garantieren. Das vereinnahmte Geld sollte zur Bekämpfung der Armut in Ecuador sowie zum Schutz des Regenwaldes und seiner indigenen Bewohner aufgewendet werden. Mit der Verwaltung des Treuhandfonds wollte Ecuadors Regierung das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen betrauen. Auch Privatleute waren eingeladen, ein virtuelles Fass nicht geförderten Öls zu erwerben und ihren Enkeln auf diese Weise Garantiezertifikate eines intakten Regenwaldes zu schenken.

          Die „große Heuchlerei“ der reichen Länder

          Trotz vielfacher Sympathiebekunden aus aller Welt kam die Initiative jedoch nicht voran. Unter anderem blieben Zweifel an der Handelbarkeit der Zertifikate und an einer völkerrechtlich akzeptablen Absicherung der Verpflichtung Ecuadors, das Erdöl langfristig nicht auszubeuten. Staatschef Correa tat der Initiative keinen Gefallen, als er schon vor Jahren wetterte, die internationalen Verhandlungspartner würden Ecuador „wie eine Kolonie behandeln“ und das Land mit „inakzeptablen“ Forderungen beschämen.

          Ecuadors Volkswirtschaft lebt zu einem großen Teil von der Erdölförderung, die allein fast 60 Prozent der Exporteinnahmen einbringt. Im Yasunígebiet lagert ein Fünftel der gesamten Ölreserven des Landes. Staatschef Correa bezifferte den Wert der Vorkommen jetzt auf rund 18 Milliarden Dollar. Ecuador brauche dieses Geld, um die Armut in seinem Land zu bekämpfen, erklärte Correa. Ecuadors Initiative sei „in den für den Klimawechsel verantwortlichen Ländern nicht verstanden worden“, klagte Correa und schimpfte über „die große Heuchlerei“ der reichen Länder.

          Präsident Rafael Correa: Ecuadors Initiative sei „in den für den Klimawechsel verantwortlichen Ländern nicht verstanden worden“

          Auch die „größte Wirtschaftskrise seit achtzig Jahren“ habe als Hemmschuh gewirkt. Gleichzeitig spielte Correa die Umweltgefahren durch die geplante Erdölförderung herunter. Nur ein Prozent der Yasuní-Fläche werde von der Erdölförderung betroffen, heißt es in dem Regierungsdekret zur Freigabe der Ausbeutung. Tatsächlich sei es sogar nur ein Tausendstel, korrigierte Correa später über den Kurznachrichtendienst Twitter.

          „Schon die Vernichtung eines kleinen Stücks des Waldes bedeutet eine extrem hohe Zerstörung von Biodiversität“, entgegnete der Regenwaldexperte David Romo, der eine Forschungsstation im Yasunígebiet leitet.

          Ecuador hat bereits bedrückende Erfahrungen mit der Zerstörung des Regenwaldes durch die Erdölförderung gemacht. Die amerikanische Ölgesellschaft Texaco, die von 1964 bis 1992 in Ecuador gefördert hatte, hinterließ nach ihrem Rückzug ölverseuchte Urwaldgebiete.

          Ein ecuadorianisches Gericht hat den Ölkonzern Chevron als Rechtsnachfolger der von ihm übernommenen Texaco vor zwei Jahren zu Straf- und Schadensersatzzahlungen von 19 Milliarden Dollar verurteilt. Laut der Verfassung Ecuadors muss das Parlament der Erschließung von Rohstoffen in Naturschutzgebieten zustimmen. Correa kann in der Nationalversammlung auf eine absolute Mehrheit bauen. Dennoch dürfte das Vorhaben auf heftigen Widerstand stoßen. Die Oppositionspartei Pachakutik will eine Volksbefragung zur Entscheidung über die Ausbeutung beantragen. In Umfragen hatten sich bis zu 90 Prozent der Befragten gegen die Ausbeutung der Yasuní-Reserven ausgesprochen, berichtet die ecuadorianische Zeitung El Comercio.

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