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Dürre in Brasilien : São Paulo geht das Wasser aus

  • -Aktualisiert am

Ausgetrocknet: Mehr als neunzig Prozent der Wasserreserven im Cantareira-Reservoir bei São Paulo sind aufgebraucht. Bild: Reuters

Die Wasserreserven im brasilianischen Bundesstaat São Paulo sind erschöpft, Millionen Bewohner betroffen. Vor der Stichwahl um das Präsidentenamt spielt die Dürre deshalb auch im Wahlkampf eine wichtige Rolle.

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          Das wichtigste Wahlversprechen, das Gouverneur Geraldo Alckmin den 44 Millionen Einwohnern seines Bundesstaates São Paulo vor der Abstimmung vom 5. Oktober gegeben hatte, war: Wasser. Es werde im soeben angebrochenen südamerikanischen Frühjahr und auch im Sommer bis Ende März genug davon für alle geben, versicherte der Gouverneur. Alckmin von der konservativen Sozialdemokratischen Partei (PSDB) gelang mit 57,3 Prozent der Stimmen schon im ersten Wahlgang die Wiederwahl.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch das Thema Wasser bestimmt weiterhin die politische Debatte im bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Bundesstaat Brasiliens. Denn die schlimmste Dürre im Südosten des Landes seit acht Jahrzehnten dauert fort. Dazu kommen Temperaturen von zuletzt fast 37 Grad; so heiß war es im Oktober seit 1933 nicht mehr. Das Reservoir Cantareira, ein System von vier Stauseen im Norden der Metropolenregion São Paulo, das gut acht Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt, ist praktisch leer. Mehr als 96 Prozent seiner Kapazität sind verbraucht, der rissige Boden der Stauseen ist zudem von verrosteten Autowracks übersät, die dort „entsorgt“ worden waren, als diese noch gut mit Wasser gefüllt waren.

          Schon Mitte Mai wurde die sogenannte erste „technische Reserve“ des Cantareira-Systems angezapft. Darunter versteht man jene Wassermenge, die mit erheblichem technischem und finanziellem Aufwand in den größten der vier Stauseen heraufgepumpt werden muss. In der vergangenen Woche ließ sich die Chefin der Wasserwerke von São Paulo (Sabesp), Dilma Pena, zu der Warnung hinreißen, der 20-Millionen-Metropole werde Mitte November das Wasser ausgehen, sollte es nicht bald ergiebig regnen. Tags darauf widersprach die Presseabteilung von Sabesp der eigenen Vorsitzenden. „Sabesp gewährleistet die Wasserversorgung bis März 2015“, heißt es in einer Mitteilung der Wasserwerke.

          Von der Gefahr, dass bald die Wasserhähne in der größten Stadt Südamerikas trocken bleiben könnten oder dass das Wasser immerhin rationiert werden müsse, wollen Sabesp und die regierenden Politiker von São Paulo also nichts wissen. Dabei gibt es schon seit Monaten eine „weiche“ Wasserrationierung in dem Bundesstaat. In der Nacht wird der Druck im Wasserleitungsnetz deutlich verringert. Die Tageszeitung „O Globo“ hat ermittelt, dass gut 3,6 Millionen Menschen in 29 Städten und Gemeinden des Staates mitunter tagelang über keine Wasserversorgung verfügen. Auch in den ärmeren Vorstädten der Metropole kommt bis zu zwölf Stunden pro Tag kein Wasser aus dem Hahn.

          Wegen der Rationierungsmaßnahmen holen diese Bewohner aus der Region um São Paulo nun Wasser an einem Brunnen. Bilderstrecke
          Wegen der Rationierungsmaßnahmen holen diese Bewohner aus der Region um São Paulo nun Wasser an einem Brunnen. :

          Unterdessen versichert Gouverneur Alckmin unverdrossen, die Wassersituation sei unter Kontrolle. Man werde eben die Verbraucher mit zusätzlichen finanziellen Anreizen zum Wassersparen bewegen, weiteres Wasser aus der „technischen Reserve“ heraufpumpen und schließlich zusätzliche oberirdische Wasserläufe für die Versorgung der Bevölkerung und der Industrie erschließen. Doch die drei Strategien des Gouverneurs zur Überwindung der Wasserkrise sind längst an ihre Grenzen gestoßen.

          Kunden von Sabesp, die ihren Wasserverbrauch um 20 Prozent reduzieren, erhalten seit Wochen einen Preisnachlass von 30 Prozent auf ihre Wasserrechnung. Auf Informationsblättern von Sabesp, die Tages- und Wochenzeitungen beiliegen, werden Tipps gegeben, wie man Wasser sparen kann: das Geschirr nicht unter fließendem Wasser spülen; beim Einseifen unter der Dusche, beim Zähneputzen und bei der Nassrasur den Hahn zudrehen; an tropfenden Wasserhähnen die Dichtungen auswechseln; und so weiter. Der Verbrauch ist dennoch kaum zurückgegangen, er nimmt vielmehr zu Beginn der warmen Jahreszeit wie gewohnt zu. Außerdem leben in den Metropolen des Bundesstaates Millionen Einwohner in Hochhäusern, deren Wohnungen keinen individuellen Wasserzähler haben; also gibt es keinen finanziellen Anreiz zum Wassersparen.

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