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Drogensucht in Vermont : Ahornsirup und Heroin

Ex-Heroinabhängiger Ryen Koziar in Vermont. Bild: Andreas Ross

Erst machten Landärzte die Leute süchtig nach Pillen. Dann überließen sie ihre Patienten Drogendealern aus den Städten. Selbst das idyllische Vermont versinkt im Rauschgiftsumpf.

          Links von der Straße rauscht ein Bach. Rechts schmiegt sich der Wald an die Holzhäuser. Auch in dieser lauschigen Sackgasse von Barre macht sich bemerkbar, dass die Granitbetriebe des Orts nicht mehr viel Geld abwerfen. Von einer Veranda blättert die Farbe. Nebenan scheppert eine lockere Regenrinne. Aber bald blüht der Ahorn. Dann ist der Schnee vergessen, der Vermont dieses Jahr üppig eingedeckt hat. Ryen Koziar spaziert an einem beige getünchten Haus mit Spitzdach vorbei. „Hier habe ich mir die Überdosis Heroin gesetzt.“ Er war lange nicht hier. Der hagere Einunddreißigjährige meidet manche Orte lieber. Das ist gar nicht so leicht in einem Nest wie Barre. Doch heute steuert Ryen die Stationen seines alten Lebens an. Er will sich beweisen, dass er es hinter sich hat. Eben hat er seine Tagesdosis Methadon geschluckt. Die rosa Essenz gibt ihm Kraft. Am Abend wäre er zu fahrig für die kleine Tour.

          Ryen nimmt seine Dosis Methadon in der Klinik ein
          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          In dem Haus am Wald war er bei einer Bekannten untergekommen. „Eigentlich habe ich die Frau gehasst. Aber ich hatte keine Bleibe, und sie ließ mich auf der Couch schlafen, weil ich ihr mit der Kleinen half.“ Ryen vermisste seine eigene Tochter, die er kaum mehr sah. „Die Frau dealte mit Crack, Koks, Pillen, Heroin“, zählt Ryen auf. Er regt sich auf. „Das ist doch krank, mit einer kleinen Tochter. Und alles von zu Hause aus!“ Krank war Ryen selbst. „Pillen brachten es nicht mehr.“ Pralle Venen hatte er immer gehabt. Er staunte, wie leicht es ihm fiel, sich Heroin zu spritzen.

          „Angeblich sieht man ein Licht“

          Nach der Überdosis merkte Ryen gleich, dass etwas schieflief. Die Dealerin mit der Tochter rief ihren Freund. Der drosch auf Ryen ein, bis ihm ein Zahn ausbrach. Doch zu Bewusstsein kam er nur kurz. Als Ryen das nächste Mal aufwachte, lag er in Unterhose auf einer Trage. „Der ist hinüber“, hörte er einen Sanitäter sagen. Es schneite. „Angeblich sieht man ein Licht“, sagt Ryen. Er schüttelt den Kopf. „Beim ersten Mal, Jahre vorher, als ich mir zu viel Koks reingezogen hatte, da hörte ich wenigstens eine Stimme. Diesmal war da gar nichts.“

          Zwei Häuser weiter, da ist er sich sicher, leben mehrere Dealer unter einem Dach. Wenn man jeden Tag im Warteraum der Suchtklinik im Nachbarort hockt, wo sie mehr als 400 Abhängigen die Ersatzdrogen Methadon oder Buprenorphin verabreichen, dann weiß man so etwas.

          Eigentlich ist Vermont das Land, wo Biomilch und Ahornsirup fließen. „Wir bieten Amerikas beste Lebensqualität“, stellt Gouverneur Peter Shumlin fest. Vermont verbirgt sich im Nordosten der Vereinigten Staaten. Es ist größer als Hessen, hat aber weniger Einwohner als Frankfurt. Die Hauptstadt Montpelier rühmt sich, die einzige amerikanische Hauptstadt ohne McDonald’s zu sein. Wie jedes Frühjahr hat der Gouverneur vor kurzem feierlich einen Ahornbaum angestochen. „Doch man müsste seine Augen verbinden und Ohren zustopfen“, sagt Shumlin, „um unser Riesenproblem mit Opiaten zu übersehen.“

          Erst zum Arzt, dann zum Dealer

          Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Herointoten in Amerika vervierfacht. Wie eine Seuche hat das Elend die Grenzen der Großstädte durchbrochen. Voriges Jahr verloren in Vermonts Idylle 35 Menschen ihr Leben, weil sie zu viel Heroin einnahmen. Fünfzig weitere starben an einer Überdosis Schmerzmittel.

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