https://www.faz.net/-gq5-82ksk

Drogensucht in Vermont : Ahornsirup und Heroin

Bei Bobbiejean hatte alles mit Zahnweh, Rückenschmerzen und netten Ärzten begonnen. Sie bekam noch nicht einmal Oxycontin, sondern ein schwächeres Mittel. „Oxys wären toll gewesen“, sagt sie mit leuchtenden Augen, „aber heute muss man dafür mindestens Krebs haben.“ Gouverneur Shumlin bezweifelt, dass Ärzte und Pharmafirmen ihre Lektion gelernt haben. 2013 ließ die Medikamentenbehörde ein neues Mittel zu. Zohydro enthält den suchterzeugenden Wirkstoff in Reinform, ohne Paracetamol. Mit elf zu zwei Stimmen hatte der ärztliche Beirat der Behörde gegen die Zulassung votiert, doch jetzt sind die Tabletten auf dem Markt. Die Macht der Pharmalobby habe die Politik in eine Art Abhängigkeit getrieben, glaubt Shumlin – und wie ein Süchtiger leugne Amerika seine Krankheit. „Es ist nicht zu fassen,“ sagt der Gouverneur, „aber alles fängt von vorn an.“ CJ, die während ihrer behüteten Jugend nicht ein einziges Mal auch nur geflucht haben will, bekam das Schmerzmittel, als sie Probleme mit der Gallenblase hatte. Später, als sie 19 Jahre alt war, zeigte ihr erster Freund ihr, wie man die Pillen snifft. Da sie die Medizin kannte, machte sie sich keine Gedanken – und driftete in ein neues Leben. Ryen hatte sich von den falschen Freunden auffangen lassen, als er vor seinem Stiefvater weglief. Der habe ihn missbraucht, sagt er. „Ich war sechs Jahre alt. Er legte eine Decke über mich und schlug mich, bis ich nicht mehr heulte. Dann machte er sich an mir zu schaffen.“ Während er das erzählt, streicht er dem kleinen Maverik Erdnussbutter und Marmelade aufs Toast. Kurz hält er inne. „Wie ich diese Decke hasste!“ Aus dem Wohnzimmer schallt Kriegsgetöse. CJs große Kinder spielen ein Ballerspiel.

Der Psychologe in der Klinik hat ihn nach schönen Erinnerungen gefragt. „Aber es war immer alles schrecklich, schrecklich, schrecklich.“ Jahrelang lebte er auf einem Friedhof, wo sein Stiefvater als Steinmetz arbeitete. „Niemand wollte mich besuchen. Da waren nur elftausend Tote.“ Beim ersten Abnabelungsversuch schlug sich Ryen in der Arbeiterstadt Pittsburgh in Pennsylvania durch und machte Bekanntschaft mit Kokain. Erst als er zurück zu Mutter und Stiefvater ins beschauliche Vermont kam, fing er mit Pillen und Heroin an. „Ist das nicht verrückt?“ Eine Zeitlang hat er für einen Dealer aus Burlington Pillen in Barre verkauft. Dann nahm die Polizei den Mann fest, und der nahm sich das Leben. „Das hat mich beinah umgebracht. Wovon sollte ich jetzt high werden?“ Später machte er selbst ein paarmal den Trip nach Boston oder New York, um Ware zu holen. „Es ist wie im Film“, sagt Ryen matt. „Die halten dir ihre Knarre an die Schläfe und du redest besser nicht viel.“

Jemand klopft an die Hintertür von CJs Reihenhaus. Sie sieht nach und kommt mit einem Gefrierbeutel mit Marihuana zurück. Ryen legt ihn auf die Waage und flucht leise: zu wenig Gras fürs Geld. „Wir kiffen Tag und Nacht“, erklärt CJ.

Ryen, CJ und Maverik vor ihrem Haus

Das ist der einzige Rausch, den sie sich gönnen können, ohne nach dem Urintest in der Klinik Ärger zu bekommen. Nur den Dealern aus seiner Vergangenheit will Ryen nie mehr begegnen. Auf dem Rundgang durch die Abgründe seines Lebens zeigt er noch rasch auf ein Haus im Zentrum von Barre. Da sei ab und an ein Typ aus Connecticut mit einer Sporttasche voll Drogen für ein, zwei Tage abgestiegen. Leute wie Ryen verkauften das Zeug für ihn. An einem Abend fuchtelte der Dealer mit seinem Revolver herum und forderte alle zu einer Partie Russisch Roulette heraus. „Da wusste ich endgültig“, sagt Ryen, „dass ich nach Hause wollte.“

Weitere Themen

Sport im virtuellen Gruppenkurs

Fitnessbörsengang : Sport im virtuellen Gruppenkurs

Peloton ist mit seinen Fitnessfahrrädern für den Hausgebrauch in Amerika zum Kult geworden und will bald nach Deutschland expandieren. Jetzt geht das Unternehmen mit großen Erwartungen an die Börse.

Topmeldungen

Der Niederländer Ben van Beurden, Jahrgang 1958, ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Shell.

Konzernchef im Gespräch : „Shell muss sich ändern“

Ben van Beurden, der Chef von Europas größtem Ölkonzern, spricht im Interview über den Umstieg auf erneuerbare Energien, Heuchelei an der Börse und den brennenden Regenwald.
Der britische Premierminister Boris Johnson vergleicht sich selbst mit dem „unglaublichen Hulk“, der sich aus seinen Fesseln befreit.

Brexit um jeden Preis : Der wütende Hulk

Großbritannien werde sich aus seinen „Fesseln“ befreien wie die ultra-starke Comicfigur, wenn es bis 31. Oktober keinen Brexit-Deal gebe, erklärt Johnson. Auch gegen die Anordnung des Parlaments. Vor neuen Gesprächen mit der EU zeigt er sich dennoch „sehr zuversichtlich.“
Aktivisten der Gruppierung „Extinction Rebellion“ schütten während der Hamburg Cruise Days eine rote Flüssigkeit, die Blut darstellen soll, auf die Treppen.

Weltweite Klimademonstrationen : Nach dem Protest ist vor dem Protest

Aktivisten planen einen weltweiten „Klimastreik“, in Deutschland soll in Hunderten Städten demonstriert werden. Die Gruppe „Extinction Rebellion“ will mit Mitteln des zivilen Ungehorsams auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen.
Joachim Wundrak im Jahr 2014 neben der damaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

AfD-Mitgliedschaft : Wie ein General nach rechts abbog

Joachim Wundrak war im Führungsstab der Bundeswehr und CDU-Mitglied. Inzwischen zetert er gegen Merkel und Europa. Von Rechtsextremisten in der AfD will er nichts wissen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.