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Drogensucht in Vermont : Ahornsirup und Heroin

Viele Vermonter waren entsetzt, als ihr Touristenparadies in der Rede des Gouverneurs zur Drogenhölle mutierte. „Ich bedaure nur, dass ich es nicht früher gemacht habe“, beteuert Shumlin. Trotz Budgetnot will er bis nächstes Jahr zehn Millionen Dollar zusätzlich aufgetrieben haben. Dann soll niemand mehr über Berge fahren müssen, um sein Methadon zu bekommen. Bald dürfte sich die Zahl der ambulanten Therapieplätze verdoppelt haben. „Doch wir stehen erst am Beginn eines schweren Aufstiegs“, gibt Shumlin zu. Sein Gesundheitskommissar vermutet, auf jeden Therapiewilligen kämen zehn weitere Süchtige, die Hilfe benötigten.

Ryen und CJ meldeten sich im vorigen Juni bei der Klinik in Berlin. Da hatte ein Zuschuss des Staates die mehr als zweihundert Namen der Warteliste gerade auf ein knappes Dutzend schrumpfen lassen. „Gott sei Dank“, sagen CJ und Ryen wie aus einer Kehle. Inzwischen hatten sie ein gemeinsames Baby.

Ryen und sein kleiner Sohn Maverik zu Hause in Vermont

Bald feiert Maverik seinen zweiten Geburtstag. Mit ihren nunmehr drei Kindern konnte CJ in ein kleines Reihenhaus einziehen. Auch Ryen ist meistens dort, obwohl Barre eigentlich keine verurteilten Straftäter in der Sozialsiedlung duldet. Er kümmert sich um die Kinder, während sich CJ zur Krankenschwester ausbilden lässt. „Ohne die Wohnung hätten wir es nicht gepackt“, sagt sie. Beide wissen, dass sie es auch jetzt noch nicht gepackt haben. „Mindestens zwei Jahre musst du im Methadon-Programm bleiben, sonst wirst du rückfällig“, sagt Ryen.

Brenda Gagnons „Central Vermont Addiction Medicine Clinic“, ein schmaler Container auf einem Schotterplatz zwischen Barre und Berlin, platzt aus den Nähten. Die Patientin Bobbiejean Brown ist auf einen Plausch ins Büro der Chefin gekommen. Mit ihren 33 Jahren, ihrem durch klaffende Zahnlücken gellenden Lachen, dem pinken Strickpulli, der sich mit den hennaroten Haaren beißt, und dem von den Ohren baumelnden Indianerschmuck erinnert sie Gagnon an ihre eigene Tochter. „Deren bevorzugte Droge war auch das Heroin“, sagt die Klinikleiterin. Ihre Tochter ist seit drei Jahren clean. Bobbiejean aber kämpft gegen Tränen, als sie von ihrem Rückfall erzählt. Im Januar bekam sie 800 Dollar vom Finanzamt, warf alles über den Haufen und kaufte Crack. Sie war traurig, weil ihr Großvater gestorben war. Sie schämte sich dafür, dass er am Ende leiden musste, weil sie ihm Tabletten geklaut hatte. Am wenigsten konnte sie ertragen, dass ihre Kinder zum Vater ziehen mussten.

Vor der Arbeit zur Methadonstelle

Wenn die Klink früh um halb sechs öffnet, kommen Leute im Anzug, im Blaumann oder im Doktorkittel, stürzen ihr Methadon herunter und fahren zur Arbeit. „Nie hätte ich gedacht, dass solche Leute betroffen sind“, sagt Bobbiejean. Später am Vormittag wird es turbulenter im Container. Auf dem engen Gang zum Schalter, an dem die Ersatzdrogen ausgegeben werden, müssen die Wachleute immer wieder Streithähne trennen. Hier habe jeder mit jedem eine Rechnung offen, knurrt Ryen Koziar. CJ berichtet angewidert von einer Mutter, die weiter mit Heroin deale und vor anderen Patientinnen prahle, wie viel Geld sie für Sex verlange. Immer wieder sieht Brenda Gagnon aus ihrem Bürofenster, dass auf dem Parkplatz Deals abgewickelt werden.

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