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Drogensucht in Vermont : Ahornsirup und Heroin

Niemand bleibt verschont

Ob in der Handelskammer oder beim Empfang der Buchhalter: Nach jedem Termin, erzählt der Demokrat Shumlin, hätten ihn Leute am Ärmel gezupft. Die einen hatten eine Tochter verloren, die anderen waren von ihrem süchtigen Sohn ausgeraubt worden. Die einen mochten ihrer tablettenabhängigen Mutter die Enkel nicht mehr anvertrauen, die anderen hatten endlich ihren Vater zur Therapie überredet – und alle Hoffnung beim Warten auf einen Klinikplatz verloren. Alle sagten: „Das Zeug zerstört meine Familie.“ Voriges Jahr setzte der Gouverneur dann einen lauten Notruf ab. Seine gesamte „Rede zur Lage des Staats“ widmete er der Rauschgiftkrise. „In jeder Ecke unseres Staates bedroht uns die Abhängigkeit von Heroin und anderen Opiaten“, sagte er. Jede Woche würden Heroin und Pillen für zwei Millionen Dollar nach Vermont geschmuggelt. Vier von fünf Häftlingen säßen wegen Drogendelikten ein oder seien abhängig. Heroinsucht sei eine chronische Krankheit. Eine Therapie koste pro Woche und Patient 123 Dollar – ein Zehntel dessen, was ein Gefängnisaufenthalt verschlinge. „Wir können nicht länger unsere Augen vor der Heroinsucht vor unserer Haustür verschließen, und zugleich gegen Behandlungszentren in unseren Hinterhöfen ankämpfen“, sagte Shumlin.

Einer von denen, die den Gouverneur auf diesen Trichter brachten, ist TJ Donovan. Er ist als Staatsanwalt für Vermonts größten Landkreis rund um das pittoreske Burlington zuständig. Seit die Drogensucht seinen Bezirk heimsuchte, musste Donovan sich mit viel mehr Einbrüchen, Diebstählen und Überfällen herumschlagen. Der gewählte Ankläger geriet unter Zugzwang. „Die meisten Vermonter arbeiten hart und erwarten, dass Kriminelle Konsequenzen zu spüren bekommen.“ Doch Wegsperren brachte wenig. „Die Rückfallquote betrug 43 Prozent.“ Auch Ryen Koziar, der einmal wegen Diebstahls, einmal wegen sexueller Nötigung und dann noch einmal wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen eingebuchtet wurde, hat die härtesten Drogen und Dealer erst im Gefängnis kennengelernt. „Danach“, sagt er, „ist alles schlimmer.“

Amnestie für Süchtige

Staatsanwalt Donovan verbringt diesen Morgen hinter einem Klapptisch im Foyer des Gerichtsgebäudes und gibt Märkchen für die Kasse aus. Er hat eine Amnestie ausgerufen: Wer heute kommt, kann gegen ein bescheidenes Bußgeld alte Verkehrssünden aus der Welt schaffen. Hunderte stehen Schlange. Jeden einzelnen ermahnt der Staatsanwalt persönlich. Die meisten haben kaum Geld. Donovan will ärmere Bürger aus dem Teufelskreis von Straf- und Mahngebühren befreien: Ohne Job kein Geld, ohne Führerschein kein Job. „Helfen wir den Leuten, ihr Leben zu regeln“, sagt der Staatsanwalt – und ist damit wieder bei den Drogen. Donovan schildert einen typischen Fall. „Die Polizei wird vom K-Mart alarmiert: Eine Frau ist auf dem Kaufhausklo ohnmächtig geworden. Sie hat eine Sprühdose geklaut und geschnüffelt. Wenn man sie fragt, erklärt sie, dass sie keine Pillen mehr hatte und nicht krank werden wollte. Bis zu den Reformen von Gouverneur Shumlin hätten wir die Frau als Ladendiebin behandeln müssen.“ Nun konnte der Staatsanwalt sie zur Therapie schicken.

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