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Drogensucht in Vermont : Ahornsirup und Heroin

Wer den Dealern den Weg aufs Land gepflastert hat, ist für Gouverneur Shumlin klar: Es waren die Ärzte, im Schlepptau der Medikamentenbehörde. Die ließ 1997 Schmerztabletten mit Oxycodon zu. Aus der Packungsbeilage des pharmazeutischen Bestsellers wurde Laien kaum klar, wie stark das Mittel süchtig macht.

„Mit der Menge, die die Ärzte allein im ersten Jahr verschrieben, hätten alle erwachsenen Amerikaner einen Monat lang high bleiben können“ schimpft Shumlin. „Völlig bekloppt!“ Landärzte waren besonders großzügig. Für viele Vermonter ist der Weg zum Doktor weit. Manche Mediziner verordnen deshalb Pillen auf Vorrat. Rasch sprach sich herum, dass die „Oxys“ erst richtig kicken, wenn man sie zerstößt und das Pulver schnupft. Erst 2013 verlangte die Medikamentenbehörde vom Hersteller des Präparats Oxycontin, auf Gelkapseln umzustellen. Die kann man nicht pulverisieren.

Vermonts Gouvernor Peter Shumlin in seinem Arbeitszimmer

In Vermont tauschten Apotheken und Ärzte Daten aus. Und der letzte Landarzt begriff, was seine Zunft angerichtet hatte. Abhängig gewordene Patienten fanden in ihren Praxen plötzlich keine Gnade mehr – meist aber auch keine Hilfe. „Wie Ärzte mit ihren Patienten umgesprungen sind, ist das Traurigste“, sagt Brenda Gagnon. Sie verwaltet in Berlin bei Barre die kleine Klinik, wo Ryen Koziar sein Methadon bekommt. In die Lücke stießen Heroin-Dealer aus New York oder Boston. „Ein Tütchen, das diese Giftschleuderer in Brooklyn für fünf Dollar verkaufen konnten, wurden sie hier für zwanzig bis dreißig Dollar los“, sagt Gouverneur Shumlin.

Inzwischen sind die Vermonter mit 15 Dollar dabei. Manche Abhängige brauchen zehn Tütchen am Tag. Wie beim Oxycontin, nur schneller, dockt das im Heroin enthaltene Morphin an die Opioidrezeptoren im Gehirn an. Nach dem ersten Schuss herrscht das Glück: Schmerzen und Sorgen sind verflogen. Doch wer es sich nicht leisten kann, die Dosis ständig zu steigern, wird diesen Rausch nicht mehr oft erleben. Bestenfalls erlaubt es das Heroin dem Süchtigen bald noch, seinen Alltag zu bewältigen. Kurz nach dem Abend, an dem Ryen Koziar seinen zweiten Tod überlebte, lernte er CJ kennen und verliebte sich. Die junge Mutter nahm Pillen. Kein Heroin mehr, verlangte sie von Ryen. Er begnügte sich wieder mit Tabletten und Kokain. „Ohne CJ wäre ich tot.“ Beide hatten keine Wohnung. Sie hausten mit CJs beiden Kindern bei Bekannten und in Motels. Den Kleinen habe es nie am Nötigsten gefehlt, beteuern sie. „Erst haben wir Windeln gekauft, dann Drogen“, sagt CJ. Ryen ergänzt: „Selbst wenn wir total pleite waren, haben wir genug Pillen aufgespart, dass einer von uns high werden konnte. Der hat dann die Kinder versorgt.“ Der andere wälzte sich vor Schmerzen im Bett.

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