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Drogenboss in Mexiko : Flucht aus der Duschkabine

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Sinaloa-Kartell war unangefochtener Marktführer beim Drogenschmuggel

Nach seinem ersten Ausbruch von 2001 festigte der meistgesuchte Drogenhändler der Welt die Herrschaft des nach wie vor mächtigsten Verbrecherkartells. Der Einflussbereich des Sinaloa-Kartells erstreckt sich über zahlreiche mexikanische Bundesstaaten an der Pazifikküste, von Michoacán im Südwesten bis nach Sonora und Chihuahua im Norden an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Die amerikanische Zeitschrift „Forbes“ schätzte 2011 Guzmáns Vermögen auf rund eine Milliarde Dollar und nannte ihn den „größten Drogenboss aller Zeiten“, der selbst den legendären kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar (1949 bis 1993) in den Schatten gestellt habe. Tatsächlich profitierten die mexikanischen Drogenkartelle – allen voran das Sinaloa-Kartell – vom Erfolg der amerikanischen und kolumbianischen Behörden im Kampf gegen die Kartelle in Kolumbien: Die mexikanischen Schmugglerkartelle gewannen den Marktanteil, den die geschwächten kolumbianischen Produzentenkartelle verloren. Auch den Verteilungskampf unter den mexikanischen Kartellen, der durch die Offensive im Anti-Drogen-Kampf des früheren Präsidenten Felipe Calderón von Dezember 2006 bis Ende 2012 verschärft wurde, überstand das Sinaloa-Kartell unbeschadet.

Zum Zeitpunkt von Guzmáns Festnahme im Februar 2014 galten das Sinaloa-Kartell und dessen Boss als die unangefochtenen Marktführer beim Schmuggel von Drogen und zunehmend auch Flüchtlingen aus Süd- und Mittelamerika in die Vereinigten Staaten. 2013 erklärte die „Chicago Crime Commission“, eine 1919 gegründete unabhängige Organisation zur Beobachtung von Verbrecherorganisationen in den Vereinigten Staaten, Guzmán zum „Staatsfeind Nummer eins“; zuletzt war dieses Etikett 1930 dem Gangsterboss Al Capone verliehen worden. Auf die Ergreifung Guzmáns hatten die Vereinigten Staaten eine Belohnung von umgerechnet 3,8 Millionen Euro ausgesetzt, die mexikanischen Behörden rund 1,8 Millionen Euro.

Kartelle setzen jährlich zwischen zehn und vierzig Milliarden um

Ob diese Summen nach der zweiten Flucht Guzmáns abermals ausgelobt werden, steht dahin. Die Generalstaatsanwälte von sieben amerikanischen Bundesstaaten hatten die Auslieferung Guzmáns gefordert, doch die mexikanische Justiz wollte – offenbar mit Zustimmung der Bundesbehörden in Washington – dem Drogenboss selbst den Prozess machen.

Der Handel mit Kokain aus Kolumbien, Peru und Bolivien, mit Marihuana, Heroin und Amphetaminen aus Mexiko wird ohnedies nicht davon beeinflusst, welcher Kartellchef im Gefängnis sitzt oder gerade ausgebrochen ist: Wenn der Kopf eines Kartells abgeschlagen wird, wachsen der Hydra sogleich neue nach, und die seit Jahren gewachsenen Geschäftsstrukturen der Unterwelt sind zugleich widerstands- und anpassungsfähig. Fachleute schätzen den Jahresumsatz der mexikanischen Kartelle auf zehn bis 40 Milliarden Dollar. Inzwischen erlösen die Syndikate ein Drittel bis die Hälfte davon durch Schutzgelderpressung, Entführungen und Menschenhandel. Die Kartelle haben eine mögliche Legalisierung von Marihuana in weiteren amerikanischen Bundesstaaten und womöglich überall in den Vereinigten Staaten schon antizipiert. Und sollte Washington den schon 1971 von Präsident Richard Nixon ausgerufenen „War on Drugs“ wegen erwiesener Erfolglosigkeit irgendwann beenden, sind die Kartelle bestens für die Epoche eines vermeintlichen Friedens an der Drogenfront aufgestellt.

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