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Mexiko : Der Zorn der Ermüdeten

  • -Aktualisiert am

Zurückhaltung der Sicherheitskräfte: Erst als die Demonstranten den historischen Komplex des Nationalpalasts stürmen wollten, wurden sie gestoppt. Bild: Reuters

Der mutmaßliche Mord an 43 Studenten im Bundesstaat Guerrero macht Mexiko wütend. Zunehmend richtet sich der Volkszorn gegen Präsident Peña Nieto.

          Protestkundgebungen gehören zum Zócalo wie die gigantische Staatsflagge, die über dem zentralen Platz der mexikanischen Hauptstadt weht. Doch die Bilder, die die Mexikaner am Samstagabend zu sehen bekamen, waren nicht die üblichen Aufnahmen von Verkehrsblockaden und hitzigen Reden. Diesmal loderten Flammen an der Pforte zum Nationalpalast, dem offiziellen Sitz der Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Ein paar Vermummte hatten zuerst fast eine Stunde lang mit Metallbarrieren versucht, das Portal zu durchbrechen. Dann schleuderten sie Molotow-Cocktails. Die Polizei bereitete dem Spuk erst ein Ende, als die Aktivisten ein Panel der Holztür durchbrochen hatten und das historische Gebäude stürmen wollten, wo noch vor wenigen Tagen Prinz Charles Diego Riveras Wandmalereien bestaunt hatte.

          Vorher war schon im Bundesstaat Guerrero, wo Ende September 43 Studenten verschleppt worden waren, eine Demonstration in rohe Gewalt umgeschlagen: In Chilpancingo schleuderten Hunderte Studenten ebenfalls Brandsätze auf den Sitz der Provinzregierung und zündeten Lastwagen an. Aber die Regierung verordnete ihren Sicherheitskräften Zurückhaltung.

          Das Schicksal der Studenten scheint geklärt zu sein

          Denn sowenig die Mehrheit der Demonstranten die Gewalt der Brandstifter gutheißt, so groß ist doch im ganzen Land die Wut auf die vielerorts mit dem organisierten Verbrechen verwobene Obrigkeit. Die Masse der Empörten, die sich am Wochenende Gehör verschaffte, warf keine Brandsätze, aber entzündete auf Twitter ein Lauffeuer unter dem Schlagwort „Ya me cansé“: „Mir reicht es“, heißt das, oder: „Ich bin müde!“

          Mit diesen Worten hatte am Freitag Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam brüsk eine Pressekonferenz beendet, in der er daran gescheitert war, einen vorläufigen Schlussstrich unter den mutmaßlichen Massenmord von Guerrero zu ziehen. Zu Beginn seines Auftritts hatte er sich einfühlsam gezeigt. Was er mitzuteilen habe, werde den Familien der Vermissten großen Schmerz bereiten, kündigte er an. Doch gebe es nun Gewissheit, dass die Studenten des Lehrerseminars von Ayotzinapa getötet und ihre Leichname beseitigt worden seien.

          43 junge Männer: Erst erschossen dann verbrannt

          Demnach hatte der – inzwischen mit seiner Frau verhaftete – Bürgermeister der Stadt Iguala befürchtet, dass die radikalen Aktivisten der Hochschule von Ayotzinapa eine Rede seiner Ehefrau stören wollten, die schon aufgrund familiärer Bande eng mit dem Kartell der „Guerreros Unidos“ verbunden war. Die Studenten kaperten nach einer Spendensammlung mehrere Busse. Der Bürgermeister befahl der Polizei, die Busse zu stoppen. Schon dabei wurden sechs Personen erschossen.

          Die Polizisten übergaben die verbleibenden 43 jungen Männer den Angaben zufolge den „Guerreros Unidos“ an einer Mülldeponie. Die Entführten hätten sich hinknien müssen und seien erschossen worden, so die Aussage der mutmaßlichen Täter. Mit Autoreifen und anderem Abfall seien die Leichname mehr als 14 Stunden lang verbrannt worden, Die Überreste wurden in Säcke gepackt und in einen Fluss geworfen.

          „Lebend wollen wir sie zurück“

          Der Staatsanwalt zeigte Videomitschnitte der Verhöre dreier geständiger Mittäter, um seiner Darstellung Gewicht zu verleihen. Aber er zeigte sich skeptisch, dass die sterblichen Überreste eine Identifizierung ermöglichen. Fachleute der Universität Innsbruck sollen helfen, in dem sichergestellten Material Genmaterial zu finden. Murillo Karam berichtete von Zähnen, die auf der Deponie gefunden, aber bei der ersten Berührung zu Staub zerfallen seien. Misstrauische Angehörige und Protestführer wollen die Nachrichten nicht wahrhaben, solange letzte Beweise fehlen. „Lebend wollen wir sie zurück“, skandieren sie.

          Immer deutlicher wendet sich diese Stimmung gegen Peña Nieto. Der Präsident hatte erst spät erkannt, wie sehr der Fall das Land bewegte. Er verlangte sodann einen gesellschaftlichen Pakt zur Rettung des Rechtsstaats. Aber er hält an seiner Strategie fest, möglichst wenig über den offenbar aussichtslosen Krieg gegen die Drogenbanden zu reden, um die Blicke der Welt auf Mexikos Potential zu lenken. Während auf dem Zócalo sein Rücktritt gefordert wurde, packte Peña Nieto nur den kleinen Koffer: Am Sonntag flog er nach Peking, um sein Land beim Apec-Gipfel als aufstrebende Wirtschaftsmacht zu präsentieren.

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