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Kandidatur von Ted Cruz : Früher Vogel oder früher Wurm?

  • -Aktualisiert am

Ted Cruz möchte Nachfolger von Barack Obama werden. Bild: AFP

Der texanische Senator Ted Cruz verkündet als erster Republikaner seine Bewerbung für die Präsidentenkandidatur. Ort und Zeitpunkt wurden mit Bedacht ausgewählt, wecken sie doch Erinnerungen an die Geschichte.

          Im Juni 1864 saß General Jubal Anderson Early mit einer kleinen Truppe konföderierter Soldaten in Lynchburg und hatte ein Problem: Feindliche Unionisten aus dem Norden marschierten in großer Zahl auf die von ihm gehaltene Stadt in Virginia zu. Early ersann eine List: Er ließ einen leeren Zug wieder und wieder mit großem Getöse in sein Lager einfahren. Jedes Mal spielte das Musikkorps auf und ließ es klingen, als begrüße der General Stunde um Stunde neue Einheiten aus dem Süden. Sein „train trick“ ging auf: Die Unionisten, eigentlich in der Überzahl, fürchteten ein Gemetzel und zogen sich hastig zurück.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Ted Cruz mag sich dieser Legende erinnert haben, als er am Montag nach Lynchburg reiste, um als erster von einem guten Dutzend republikanischer Anwärter offiziell anzukündigen, dass er sich 2016 um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten bewirbt. Gemessen an der Zahl erklärter Anhänger ist der 44 Jahre alte Senator aus Texas mindestens so deutlich in der Unterzahl wie weiland General Early. In einer Umfrage der vorigen Woche gaben ihm vier Prozent der Republikaner-Sympathisanten den Vorzug, in einer anderen waren es nur drei. Doch auch Spitzenreiter Jeb Bush, der frühere Gouverneur von Florida sowie Präsidentensohn und -bruder, weiß deutlich weniger als ein Fünftel der Basis hinter sich. Ein von sich selbst zutiefst überzeugter Kämpfer wie Cruz lässt sich von solchen Zahlen anspornen.

          Sein „train trick“ besteht darin, einen der üblichen Zwischenschritte – die Gründung eines formellen Sondierungskomitees – zu überspringen und gleich in die Vollen zu gehen. Kurzfristig dürfte er hoffen, damit vor allem Scott Walker Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Gouverneur aus Wisconsin, der sich unter Konservativen als beinharter Gewerkschaftsschreck einen Namen machte, hat seit Januar einen guten Lauf und macht Cruz selbst eingefleischte Tea-Party-Anhänger abspenstig. Jetzt muss Walker abwägen, wie lange er dem rhetorisch begabteren Cruz das Feld als einzig erklärter Kandidat überlässt. Der Nachfolger von Barack Obama wird in knapp zwanzig Monaten gewählt.

          Mehr noch als der Mythos von General Early aber dürfte die „Liberty University“ Cruz nach Lynchburg gelockt haben. Die evangelikale Hochschule, die unter anderem ein „Zentrum für Kreationswissenschaft“ betreibt, in dem Darwins Evolutionslehre keinen Platz hat, war der ideale Ort für Cruz, seine Klientel zu umschmeicheln. Der Senator, der seine ersten 27 Monate im Kongress genutzt hat, um es sich durch seine Sturheit mit den allermeisten Mitgliedern auch der eigenen Fraktion zu verscherzen, erinnert immer gern an seine Erfolge als Generalanwalt von Texas. In dieser Funktion verteidigte der Princeton- und Harvard-Absolvent unter anderem das Recht des Staates, mit einer Skulptur auf dem Gelände des Kapitols in Austin die Zehn Gebote zu ehren, sowie den Gottesbezug im amerikanischen Fahneneid. Derlei hört man gern in der „Liberty University“, deren verstorbener Gründer Jerry Falwell einst die Gruppe „Moralische Mehrheit“ anführte. „Alle Rechte hat uns Gott verliehen“, verkündete Cruz am Montag vor jubelnden Studenten, bevor er zum entscheidenden Satz kam: „Ich trete bei der Präsidentenwahl an.“

          Nicht nur der Ort, auch der Zeitpunkt war mit Bedacht gewählt. Denn Cruz wandte sich exakt fünf Jahre nach dem Tag an die konservative Basis, an dem der – damals noch demokratisch dominierte – Kongress Obamas Gesundheitsreform gebilligt hatte. Niemand hat den Kampf dagegen so verlässlich und aufsässig geführt wie Cruz, dessen 21 Stunden langer Filibuster gegen „Obamacare“ im Herbst 2013 den Auftakt zum Verwaltungsstillstand markierte.

          Dass die Republikaner diese Schlacht verlieren würden, war auch für Cruz absehbar gewesen. Aber der in Kanada geborene Sohn einer Amerikanerin und eines aus Kuba geflohenen Pastors will sich genau dadurch von seinen Mitbewerbern abgrenzen: Nicht die Partei zähle und erst recht nicht die „Washingtoner Eliten“, sondern die Freiheitsliebe der Amerikaner. Der Senator glaubt, mit dieser Botschaft gerade junge Leute begeistern zu können. „Und dann“, sagte einer seiner Kampagnenstrategen am Wochenende, „können wir das ganze Land umdrehen.“

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