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Proteste in Brasilien : Gegen die da oben

  • -Aktualisiert am

In der Hauptstadt Brasília zogen etwa 40.000 Demonstranten durch das Regierungsviertel bis zum Nationalkongress. Bild: dpa

Mehr als eine Million Menschen haben in Brasilien gegen die Regierung demonstriert - so viele wie seit Jahrzehnten nicht. Die Opposition aber kann kaum profitieren.

          Paulo Pereira da Silva hätte am Sonntagnachmittag gerne eine große Rede bei den Massendemonstrationen gegen die brasilianische Regierung gehalten. Der Kongress-Abgeordnete aus São Paulo ist ein feuriger Redner, denn als Chef der Gewerkschaft „Força Sindical“ („Gewerkschaftliche Kraft“) hat er Übung als Einpeitscher. Seiner Rolle in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung verdankt der 58 Jahre alte Abgeordnete der kleinen Oppositionspartei „Solidarität“ seinen Beinamen „Paulinho da Força“. Doch als „Paulchen von der Kraft“ ans Mikrofon tritt, empfangen ihn Demonstranten mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Dabei hat Pereira da Silva nicht nur dafür gesorgt und dafür bezahlt, dass drei Lastwagen mit gewaltigen Lautsprechern für die Kundgebung auf der Banken- und Geschäftsmeile Avenida Paulista im Herzen São Paulos zur Verfügung stehen. Er hat auch Prominenz mitgebracht. Zum Beispiel den einstigen Fußballer Ronaldo Luís Nazário de Lima, der als weitere Attraktion seine neue Freundin, ein blondes Model namens Celina Locks, mitgebracht hat. Der zweifache Weltmeister verdankt seinen Beinamen „Phänomen Ronaldo“ seinem phänomenalen Torinstinkt. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Es ist nicht meine Schuld. Ich habe Aécio gewählt.“ Das ist eine Anspielung auf die Präsidentenwahl vom Oktober 2014, bei der Aécio Neves von der liberal-konservativen Sozialdemokratischen Partei (PSDB) einer der maßgeblichen Herausforderer von Präsidentin Dilma Rousseff war. Im Stichentscheid Ende Oktober unterlag Neves nach beinhartem Wahlkampf Amtsinhaberin von der linken Arbeiterpartei (PT) denkbar knapp. Schon seinerzeit hatte Ronaldo fleißig, aber letztlich vergeblich, Wahlkampf für den Oppositionskandidaten Neves gemacht.

          Diese Demonstrantin in Rio de Janeiro zeigte deutlich, was sie von der Regierungspolitik hält. Bilderstrecke

          Es betritt also der Abgeordnete Paulo Pereira da Silva die Lastwagenbühne und wird ausgepfiffen. Ein Moderator versucht die Situation noch zu retten: „Ruhe Leute, er ist doch gegen Dilma!“ Pereira ist Initiator einer Unterschriftensammlung zur Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Präsidentin Rousseff. Ziel der Aktion ist es, mindestens eine Million Unterschriften zusammenzubringen, um sodann mit entsprechendem Nachdruck im Parlament das „Amtsenthebungsverfahren“ einzuleiten. Die von Pereira da Silva geführte Gewerkschaft „Força Sindical“, die gut zwei Millionen Mitglieder hat, steht der politischen Opposition nahe und ist eine Gegenbewegung zum mehr als drei Mal so großen Dachverband CUT, der eng mit der PT verbunden ist. Als eine Art Präventivmaßnahme gegen die landesweiten Proteste vom Sonntag hatte der CUT am vergangenen Freitag seinerseits zu landesweiten Demonstrationen zur Unterstützung der Präsidentin und des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras aufgerufen. Beide sind angesichts des beispiellosen Korruptionsskandals „Petrolão“ angeschlagen, auch wenn Rousseff selbst, die von 2003 bis 2010 dem Aufsichtsrat von Petrobras angehörte, bisher nicht im Verdacht steht, von den Schmiergeldzahlungen in Milliardenhöhe gewusst zu haben.

          Trotzdem kann der oppositionelle Gewerkschafter und Politiker Pereira da Silva von den Massenprotesten gegen die Regierung Rousseff nicht profitieren. Mehrfach nimmt er Anlauf, um sich an die Menge zu wenden. Doch die pfeift und grölt ihn immer wieder nieder. Schließlich gibt er entnervt auf. „Diese Regierung ruiniert alles“, klagt der Gewerkschafter und Oppositionspolitiker später, „auch das Ansehen der gesamten politischen Klasse“.

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