https://www.faz.net/-gq5-7q4r5

Brasiliens Norden : Auf einem der letzten Plätze

Auch sintflutartiger Regen hält die Jugendlichen in Curralinho nicht vom Fußballspielen ab. Bild: David Klaubert

Die meisten Menschen im Amazonasdelta kennen São Paulo, Rio de Janeiro oder Brasília nur als krisselige Fernsehbilder. Sie leben im abgeschlagenen Teil Brasiliens. Doch wie das Land funktioniert, wird hier deutlicher als anderswo.

          7 Min.

          Auf seinem Weg von den Anden durch den Norden Südamerikas fließt der Amazonas in tiefen Schluchten und weiten Ebenen, durch ein endloses Grün von Regenwald. Tausende Nebenflüsse schließen sich ihm an. Er wächst zum mächtigsten aller Ströme. Und bevor er sich schließlich in den Atlantik ergießt, fächert er sich in einer riesigen Mündung auf, in deren Mitte die Ilha do Marajó liegt, eine Insel so groß wie die Schweiz.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am Südzipfel dieser Insel, mitten im größten Süßwasserreservoir der Welt, lebt Paulo Sérgio Ferreira Tenório, 44 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, Kleinbauer und Fischer. Das Haus der Familie Tenório ist aus Holz, dunkelgrün gestrichen, es schaut gemütlich aus, doch die Planken des Bodens knarren morsch. Sie liegen auf Stelzen am Ufer des Rio Pagão, der in den Rio Canaticu mündet, der in den Rio Pará mündet, der ein Nebenfluss des Amazonas ist. Entfernungen werden hier in Bootsstunden gemessen. Bis in die nächste Stadt, Curralinho, fährt Tenório etwa eine Stunde – in seinem flachen Bötchen, angetrieben vom Motor einer Motorsäge. Von Curralinho bis nach Belém, der Hauptstadt des Bundesstaats Pará, sind es acht Stunden im Linienschiff. Weiter ist Tenório noch nie gekommen. Die Metropolen Brasiliens, São Paulo, Rio de Janeiro, die Hauptstadt Brasília, kennt er nur als krisselige Fernsehbilder, als Kulissen der allabendlichen Telenovelas und seit einiger Zeit auch als Aufmarschgebiet von Demonstranten, die gegen die Fußballweltmeisterschaft protestieren.

          Umgekehrt weiß der Rest des Landes wenig über Tenórios Heimat. Der Norden ist der vergessene Teil Brasiliens, obwohl er fast die Hälfte des Staatgebietes ausmacht und 17 Millionen Menschen beherbergt. Die Medien interessieren sich kaum für ihn. Alle paar Jahre mal schauen sie auf die Stadt Curralinho mit dem zugehörigen Landstrich, in dem Tenório lebt – wenn wieder ein Index veröffentlicht wird: der Index der menschlichen Entwicklung, die Wirtschaftsleistung, die Leistung der Schüler. Meist steht Curralinho dann auf einem der letzten Plätze der gut 5.500 Städte. Die durchaus bemerkenswerten Fortschritte, die Brasilien in den beiden vergangenen Jahrzehnten gemacht hat, kommen hier im Norden mit Verspätung an. Der Blick auf Curralinho ist ein Blick auf den abgeschlagenen Teil des Landes. Zugleich aber zeigt er wie durch ein Mikroskop die Herausforderungen, vor denen Brasilien noch steht, und die großen Hindernisse, die dabei im Weg liegen.

          Bild: F.A.Z.

          Vier Fische hat Tenório an diesem Morgen gefangen, weißbauchig und nicht besonders groß. „Für ein Mittagessen reicht’s“, sagt er zufrieden. Gleich wird er wieder in sein Boot steigen und den Fluss hinauffahren, denn dort, etwas erhöht, wo das Wasser auch bei Flut nicht hinkommt, hat er zwei Felder, auf denen er Papayas, Bananen, Chilischoten und Maniokwurzeln anbaut. Hinter seinem Haus stehen außerdem Açaí-Palmen, deren dunklen Beerenfrüchte sie hier zu fast jeder Mahlzeit essen, vermischt mit Farinha, geröstetem Maniokmehl. In der Erntezeit verkauft Paulo beides säckeweise. So verdient er das Geld, um Kaffee und Zucker zu kaufen, Reis und Bohnen. Und vor allem Diesel für seinen Bootsmotor und für den Generator, der jeden Abend ein paar Stunden Strom produziert.

          Topmeldungen

          Mehr als Vater, Mutter, Kind: Frau Kirschey ist 98 Jahre alt und hat Covid-19 im März mit einem leichten Verlauf überstanden. Hier mit Tochter und Urenkelin.

          Zusammenhalt in Corona-Zeiten : Familie ist mehr!

          Seit mehr als neun Monaten hält uns die Pandemie in Atem. Für die Familien werden die Zeiten nicht einfacher. Und die Politik sendet fatale Signale. Ein Essay.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.