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Amerikanischer Wahlkampf : Das Geheimnis des Trumpismus

  • -Aktualisiert am

Me, Myself and I - mit Egoismus und Rücksichtlosigkeit zum Erfolg: Präsidentschaftsanwärter Donald Trump. Bild: dpa

Steinreich, rotzfrech und ein Ego, so groß wie seine Wolkenkratzer: Donald Trump wird zwar niemals amerikanischer Präsident, aber er leistet wertvolle therapeutische Dienste in einem zutiefst neurotischen Land.

          8 Min.

          Donald Trump ist ein Ekelpaket erster Klasse. Sicher, solche Urteile sind subjektiv, aber dieses kann sich immerhin auf einen erstaunlichen Konsens berufen: Seine Ex-Frauen beschreiben ihn als gewalttätigen Tyrannen, seine früheren Mitarbeiter als Ausbeuter und Menschenschinder, die Fernsehzuschauer kennen ihn als vulgäres Rauhbein, und die klügsten Köpfe des Landes nennen ihn einen Vollidioten. „Alles in allem einfach ein schrecklicher Mensch“, urteilte die „Washington Post“ rundheraus.

          Wer also mag so einen Kotzbrocken wie Donald Trump? Die Antwort lautet: viele, erstaunlich viele, erschreckend viele! Umfragen zufolge findet ihn jeder dritte Amerikaner sympathisch - selbst nach den verbalen Tief- und Rundumschlägen der letzten Wochen.

          In den Umfragen für die republikanischen Vorwahlen liegt Trump sogar in Führung, das Establishment der Partei weiß nicht, wie man ihn stoppen soll, Journalisten und Meinungsforscher sind perplex und beschimpfen abwechselnd Trump, seine Fans oder irgendwen, der halt dran schuld sein soll, dass das alles überhaupt passieren konnte. Einer wie Trump war im Wahlkampf einfach nicht vorgesehen.

          Aber wie erklärt sich die Begeisterung für Trump? Wieso sind sich einerseits so viele Menschen einig, dass man ihn nicht ernst nehmen kann, wenn sich andererseits doch verblüffend viele finden, die ihm zujubeln und ihn - angeblich - sogar wählen wollen?

          Trumps Wunschministerin: Sarah Palin
          Trumps Wunschministerin: Sarah Palin : Bild: AP

          Die Idee, Donald Trump könnte Präsident der Vereinigten Staaten werden, ist alt, und sie stammt nicht einmal von ihm selbst. David Letterman und andere Komiker hatten den Witz seit Jahren im Repertoire. Die Idee war so albern, dass sie immer mal wieder für einen Kalauer gut war. Es war über viele Jahre der Running Gag eines Politik- und Medienbetriebes, in dem die Grenzen zwischen Politik und Show fließend sind, in dem beides unbeirrt dem Script im Teleprompter gehorcht und die Lacher und der Beifall zuverlässig eingespielt werden.

          Der Sonderfall unter den Quereinsteigern

          Längst ist ein Auftritt bei einem Spätabendkomiker wichtiger als eine Wahlkampfrede. Warum also nicht den Spieß umdrehen und den lautesten Rüpel des Reality-Fernsehens ins Weiße Haus schicken? Die Macher der Zeichentrickserie „Simpsons“ kamen schon vor fünfzehn Jahren auf die Idee der Donald-Trump-Präsidentschaft. Sie endete in der Serie im Staatsbankrott.

          Doch erst am 16. Juni 2015 wurde die Satire von der Realität eingeholt: Donald Trump gab bekannt, dass er bei den Vorwahlen der republikanischen Partei antreten will. Exoten und Quereinsteiger hat es in der amerikanischen Politik immer wieder gegeben, von Ronald Reagan bis Arnold Schwarzenegger, vom Wrestler Jesse Ventura bis zu den Milliardären Ross Perot und Michael Bloomberg.

          Und doch ist Trump ein Sonder- und Extremfall, der sich mit den historischen Vorbildern nicht vergleichen lässt. Denn die Quereinsteiger waren bislang immer darauf bedacht, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre politischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Sie versuchten, Bekanntheit, Erfolg und Reichtum in politisches Kapital umzutauschen, indem sie Sachkenntnis, Realitätssinn, Ausgewogenheit und Selbstbeherrschung demonstrierten. Sie nutzten ihren anderswo erworbenen Ruhm, spielten jetzt aber eine völlig neue Rolle.

          Mit Sarah Palin, Großmäuligkeit und Kitsch

          Nichts von alldem tut Donald Trump. Man könnte sagen: Er tut präzise das Gegenteil. Die Auftritte des fast 70-Jährigen sind schrill, seine Reden rabaukenhaft und ungeschliffen, seine Argumente sind so primitiv, dass sie selbst der Dümmste durchschaut. Sarah Palin, die er als Ministerin in sein Kabinett berufen will, ist im Vergleich zu ihm eine rhetorische Granate und ein intellektuelles Schwergewicht. Am laufenden Band sagt Trump haarsträubende Dinge, die auch in den Vereinigten Staaten, wo der Meinungsfreiheit keine engen Grenzen gesetzt sind, nicht mehr als gesellschaftsfähig gelten.

          Vor dem Trump Jet: Donald Trump bei seinem Besuch der amerikanisch-mexikanischen Grenze im Juli.
          Vor dem Trump Jet: Donald Trump bei seinem Besuch der amerikanisch-mexikanischen Grenze im Juli. : Bild: AFP

          Mal will Trump eine „ganz große Mauer“ zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko bauen, damit die illegalen Einwanderer („Das sind Verbrecher und Vergewaltiger“) nicht mehr hineinkommen, dann verspricht er, im Handumdrehen zehn Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Dazwischen Klamauk und Angeberei, Großmäuligkeit und Kitsch: „Der amerikanische Traum ist tot. Aber ich werde ihn wieder zum Leben erwecken, und er wird größer und schöner und stärker sein als je zuvor.“

          Trump prahlt mit seinem Reichtum und übertreibt dabei um ein paar Milliarden. Wenn er beim Lügen erwischt wird, lacht er und lügt gleich weiter. Er veröffentlicht die privaten Telefonnummern seiner ungeliebten Parteifreunde, die daraufhin einen neuen Telefonvertrag brauchen. Er bezweifelt, dass Barack Obama wirklich in Amerika zur Welt gekommen ist. Und er sagt über den Kriegsveteranen John McCain, der fünf Jahre in vietnamesischer Gefangenschaft verbracht hat und gefoltert worden ist, dass er im Grunde eher ein Versager als ein Held sei, denn schließlich sei er ja so blöd gewesen, sich mit seinem Flugzeug abschießen zu lassen.

          Obama, McCain und Rick Perry vereint gegen Trump

          Da ein Teil der Wähler die gebotene Empörung verweigert und sich stattdessen begeistert auf die Schenkel klopft, wenn Trump solche Ungeheuerlichkeiten vom Stapel lässt, sind die politischen und medialen Eliten ihrerseits nun umso erregter. „Der ist ja verrückt“, sagt John McCain. „Was der betreibt, ist reine Fremdenfeindlichkeit“, meint der konservative Vordenker David Brooks sichtlich schockiert. Und der republikanische Präsidentschaftskandidat Rick Perry nennt Trump ein „Krebsgeschwür, das man sorgfältig herausschneiden und entsorgen muss“.

          Obama hatte dagegen durchaus verstanden, dass man Trump mit solchen Angriffen nur aufwertet, deshalb schwieg er. Doch als Vorwürfe laut wurden, den Präsidenten lasse die krude Volksverhetzung offenbar kalt, tat auch Obama Trump endlich den Gefallen und beschimpfte ihn. Innerhalb weniger Wochen hat Trump die Eliten des Landes auf sein Niveau hinuntergezogen und ihnen seinen Stil aufgedrängt: Keine Regeln. Keine Tabus. Immer auf die Fresse! Trump, so scheint es, fühlt sich in diesen Tagen pudelwohl.

          Journalisten, Politiker, Talkshowgäste und Psychologen diskutieren nun unentwegt, was das Geheimnis dieses (vorübergehenden) Erfolges ist. Trumpismus nennt man das Phänomen. Dabei ist Trumps Erfolg gar nicht so schwer zu verstehen. Wer genau hinhört, merkt schnell, welches Zauberwort in seinen ungelenk vorgetragenen Reden am häufigsten vorkommt: „ICH bin echt reich!“ - „ICH brauche niemanden.“ - „ICH lasse mir von niemandem etwas sagen.“ - „ICH werde der beste Präsident sein, den Gott je geschaffen hat.“ Seine Wahlkampfreden lesen sich wie seine ganze Biographie: als Manifest des Egoismus und der Rücksichtslosigkeit.

          Erfolgskonzept Trumpismus

          Der Enkel des deutschen Auswanderers Fritz Drump aus dem pfälzischen Weindorf Kallstadt erbte von seinem Vater ein Immobilienimperium, das schon damals mehrere hundert Millionen Dollar wert war. Mit rabiaten Methoden und großspurigem Auftreten baute Trump das Reich schnell aus, von Niederlagen und Rückschlägen unbeeindruckt.

          Heute ist Trump steinreich und rotzfrech, und er hat ein Ego so groß wie die Wolkenkratzer, die er nach sich selbst benannte - genauso wie die Trump Männermode, das Trump Golf Resort, die Trump Hotels, den Trump Jet und die Trump University. Mehr Ego geht nicht. Als es ihm das letzte Mal langweilig wurde, kaufte er sich einen Football-Club und einen Schönheitswettbewerb.

          Zur Berühmtheit wurde Trump aber erst, als er im Fernsehen sich selbst spielte, den berserkerhaften Manager und Großkotz, der Leute herumkommandiert und sich die Zeit mit dicken Zigarren und knackigen Weibern vertreibt. In der Casting-Show „The Apprentice“ warf er Woche für Woche einen Bewerber raus, indem er ihn anschrie: „You are fired!“ Schon damals hätte man sich wundern können, dass diese Rolle beim Publikum gut ankam. Und schon damals lag eine psychologische Erklärung nahe: Für Menschen mit Bestrafungsphantasien sind die Auftritte eines brutalen Egomanen der reine Lustgewinn.

          Im Grunde völlig unpolitisch

          Seinen Reichtum zu teilen kam Trump übrigens nie in den Sinn. Kaum ein amerikanischer Milliardär hat so wenig gespendet wie er. Nur die Wahlkämpfe von Hillary Clinton und anderen Demokraten hat er großzügig finanziert. Und das erklärt er seinen republikanischen Wählern keinesfalls damit, dass er inzwischen seine Meinung geändert habe, er sagt vielmehr einfach die Wahrheit: „Ich habe das nicht aus Überzeugung gemacht. Ich habe mir von diesen Spenden geschäftliche Vorteile versprochen.“ Auch von solcher Kaltschnäuzigkeit geht eine unwiderstehliche Faszination aus.

          Der Trumpismus wird nun manchmal als Ausdruck eines Rechtsrucks gewertet, einer schleichenden Radikalisierung der amerikanischen Konservativen. Doch vermutlich ist Trump das falsche Beispiel für eine im Übrigen richtige Beobachtung. Denn er ist im Grunde vollkommen unpolitisch. Die Partei und seine Ansichten hat er im Laufe des Lebens immer wieder gewechselt.

          Sogar beim Thema Einwanderung, bei dem er nun am lautesten nach Mauern, Zäunen, Internierungslagern und Abschiebungen schreit, vertrat er bis vor kurzem noch völlig moderate Positionen - was wohl auch daran liegt, dass illegale Einwanderer zu den Leistungsträgern auf seinen Baustellen gehören. Nein, um Politik im ideellen und ideologischen Sinne geht es Trump nicht. Sein Wahlkampfprogramm hat nur drei Punkte: Me, Myself and I.

          Trump als Prokjektionsfläche unterdrückter Phantasien

          Dass das gut ankommt, sollte niemanden überraschen. Auch wenn sich die Eliten darüber echauffieren. Sie scheinen sich über ihre misslungene Erziehung zu wundern, weil sie dem Volk doch fortwährend Gemeinsinn und Solidarität predigen, weil doch jeder Vater, jede Mutter, jeder Lehrer, jeder Politiker unentwegt von Fairness und Hilfsbereitschaft und Chancengleichheit spricht.

          Doch das ist ja nur die halbe Wahrheit. In einem Land, in dem den kleinsten Kindern schon eingebleut wird, dass es im Leben allein um Aufstieg und Erfolg geht, dass jeder es zum Star und Millionär bringen kann, wenn er sich nur ein bisschen anstrengt und alle anderen frühzeitig überholt, in einem solchen Land wird ein Donald Trump zur Projektionsfläche unterdrückter Phantasien - zumal in der Generation derjenigen, die ihre eigenen Aufstiegsträume längst begraben mussten und sich nun als Versager fühlen.

          So gesehen, sagt seine Kandidatur viel über den Gemütszustand eines zutiefst neurotischen Landes, in dem die floskelhafte Beschwörung der Gleichheit aller Menschen in immer krasserem Widerspruch zu der alltäglichen Erfahrung steht, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

          Clinton zu künstlich, Trump zu authentisch

          Vermutlich leistet Trump therapeutische Dienste, indem er dem politischen Publikum hilft, Gefühle abzuspalten und auf ihn zu übertragen. Man kann ihn hassen, weil er idealtypisch die selbstsüchtige Oberschicht repräsentiert; man kann ihm aber auch lustvoll zuschauen, wie er im Exzess die eigenen abgestorbenen Phantasien auslebt.

          Mit Trump wird das Politische emotional, und die Emotionen werden politisch: So funktioniert Wahlkampf in einem entpolitisierten Land. Gerade der Mangel an Selbstbeherrschung, die ungebändigten Affekte Trumps sind wirkungsvoll. Er ist das, was die meisten anderen nur von sich behaupten: einfach er selbst. Dass es sich um ein sehr hässliches Selbst handelt, steht auf einem anderen Blatt. Das Ungefilterte hat eine eigene Anziehungskraft: „Man könnte sagen, dass Hillary Clinton zu künstlich ist und Donald Trump zu authentisch“, schrieb der Historiker David Greenberg diese Woche in einem Essay über den Trumpismus.

          Bleibt die Frage: Könnte Donald Trump tatsächlich die republikanischen Vorwahlen gewinnen? Könnte er am Ende sogar der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein? Nein. Weder das eine noch das andere. Tausend Gründe sprechen dagegen. Der wichtigste lautet: Trump hat weder in der eigenen Partei noch in der amerikanischen Öffentlichkeit eine halbwegs relevante Unterstützung.

          Keine Chancen auf das Präsidentenamt

          Dass er in den „Umfragen führt“, wie es jetzt heißt, ist zwar richtig, aber es ist doch nur die halbe Wahrheit. In welchen Umfragen denn? Richtig, im Feld von derzeit 16 Kandidaten hat Trump mit 18 Prozent einen Vorsprung vor den eigentlich führenden Köpfen, die am Ende das Rennen unter sich ausmachen werden. So ist das immer, wenn ein Exot die Bühne betritt.

          Andere Umfragen weisen schon eher in die richtige Richtung. Fragt man zum Beispiel unter Republikanern, für wen sie unter gar keinen Umständen stimmen würden, liegt Donald Trump weit vorn. Welcher Kandidat wird am meisten gehasst? Donald Trump. Und welcher Kandidat liegt in den wichtigen Vorwahlstaaten am weitesten zurück? Donald Trump. Gegen welchen Republikaner würde Hillary Clinton mit dem größten Vorsprung gewinnen? Donald Trump.

          Seine Kandidatur ist ein Skandal und eine Gaudi, eine Art Wirtshausschlägerei im Politikbetrieb. Aber sie wird bedeutungslos bleiben. Mit einer entscheidenden Fußnote: Sollte Trump als unabhängiger Kandidat in die Präsidentschaftswahl ziehen, wie es Ross Perot 1992 getan hat, bliebe er zwar immer noch chancenlos, würde aber dem republikanischen Kandidaten das Genick brechen, weil schon wenige Prozentpunkte in den wahlentscheidenden Bundesstaaten ausschlaggebend sein werden. Als politisches Ziel ist das für Trump uninteressant. Aber als eine Art von Selbstbefriedigung könnte es ihn vielleicht doch reizen.

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