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Amerikanischer Wahlkampf : Das Geheimnis des Trumpismus

  • -Aktualisiert am

Doch das ist ja nur die halbe Wahrheit. In einem Land, in dem den kleinsten Kindern schon eingebleut wird, dass es im Leben allein um Aufstieg und Erfolg geht, dass jeder es zum Star und Millionär bringen kann, wenn er sich nur ein bisschen anstrengt und alle anderen frühzeitig überholt, in einem solchen Land wird ein Donald Trump zur Projektionsfläche unterdrückter Phantasien - zumal in der Generation derjenigen, die ihre eigenen Aufstiegsträume längst begraben mussten und sich nun als Versager fühlen.

So gesehen, sagt seine Kandidatur viel über den Gemütszustand eines zutiefst neurotischen Landes, in dem die floskelhafte Beschwörung der Gleichheit aller Menschen in immer krasserem Widerspruch zu der alltäglichen Erfahrung steht, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Clinton zu künstlich, Trump zu authentisch

Vermutlich leistet Trump therapeutische Dienste, indem er dem politischen Publikum hilft, Gefühle abzuspalten und auf ihn zu übertragen. Man kann ihn hassen, weil er idealtypisch die selbstsüchtige Oberschicht repräsentiert; man kann ihm aber auch lustvoll zuschauen, wie er im Exzess die eigenen abgestorbenen Phantasien auslebt.

Mit Trump wird das Politische emotional, und die Emotionen werden politisch: So funktioniert Wahlkampf in einem entpolitisierten Land. Gerade der Mangel an Selbstbeherrschung, die ungebändigten Affekte Trumps sind wirkungsvoll. Er ist das, was die meisten anderen nur von sich behaupten: einfach er selbst. Dass es sich um ein sehr hässliches Selbst handelt, steht auf einem anderen Blatt. Das Ungefilterte hat eine eigene Anziehungskraft: „Man könnte sagen, dass Hillary Clinton zu künstlich ist und Donald Trump zu authentisch“, schrieb der Historiker David Greenberg diese Woche in einem Essay über den Trumpismus.

Bleibt die Frage: Könnte Donald Trump tatsächlich die republikanischen Vorwahlen gewinnen? Könnte er am Ende sogar der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein? Nein. Weder das eine noch das andere. Tausend Gründe sprechen dagegen. Der wichtigste lautet: Trump hat weder in der eigenen Partei noch in der amerikanischen Öffentlichkeit eine halbwegs relevante Unterstützung.

Keine Chancen auf das Präsidentenamt

Dass er in den „Umfragen führt“, wie es jetzt heißt, ist zwar richtig, aber es ist doch nur die halbe Wahrheit. In welchen Umfragen denn? Richtig, im Feld von derzeit 16 Kandidaten hat Trump mit 18 Prozent einen Vorsprung vor den eigentlich führenden Köpfen, die am Ende das Rennen unter sich ausmachen werden. So ist das immer, wenn ein Exot die Bühne betritt.

Andere Umfragen weisen schon eher in die richtige Richtung. Fragt man zum Beispiel unter Republikanern, für wen sie unter gar keinen Umständen stimmen würden, liegt Donald Trump weit vorn. Welcher Kandidat wird am meisten gehasst? Donald Trump. Und welcher Kandidat liegt in den wichtigen Vorwahlstaaten am weitesten zurück? Donald Trump. Gegen welchen Republikaner würde Hillary Clinton mit dem größten Vorsprung gewinnen? Donald Trump.

Seine Kandidatur ist ein Skandal und eine Gaudi, eine Art Wirtshausschlägerei im Politikbetrieb. Aber sie wird bedeutungslos bleiben. Mit einer entscheidenden Fußnote: Sollte Trump als unabhängiger Kandidat in die Präsidentschaftswahl ziehen, wie es Ross Perot 1992 getan hat, bliebe er zwar immer noch chancenlos, würde aber dem republikanischen Kandidaten das Genick brechen, weil schon wenige Prozentpunkte in den wahlentscheidenden Bundesstaaten ausschlaggebend sein werden. Als politisches Ziel ist das für Trump uninteressant. Aber als eine Art von Selbstbefriedigung könnte es ihn vielleicht doch reizen.

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