https://www.faz.net/-gq5-81c7q

Bundespräsident Gauck in Peru : Ein leerer Ort der Erinnerung

Das Museum „Lugar de la Memoria“ in Lima vor dem Besuch von Bundespräsident Gauck
Das Museum „Lugar de la Memoria“ in Lima vor dem Besuch von Bundespräsident Gauck : Bild: dpa

In diese anhaltende Phase des mitunter heftig geführten Nationaldisputs fällt dieser Tage die Visite von Bundespräsident Joachim Gauck - der erste Staatsbesuch eines Bundespräsidenten in Peru seit 1964. Am Samstag eröffnete Gauck im Beisein von Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der als intellektueller Mentor das Projekt des „Lugar de la Memoria“ maßgeblich unterstützt hat, eine provisorische Ausstellung zur Geschichte des Konflikts von 1980 bis 2000. „Deutschland hat ein Beispiel gesetzt, wie man eine Gewaltherrschaft überwinden kann: durch Aufzeigen statt durch Verbergen“, sagte Vargas Llosa mit Blick auf die Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung von 1990.

Die für den Besuch Gaucks und die Museumseröffnung herbeigeschafften Schautafeln konnten die Ausstellungsräume freilich nicht füllen - weder räumlich noch inhaltlich. Im Auditorium des Museums hielt Gauck vor einem überwiegend jungen Publikum eine geradezu beschwörende Rede zum Thema „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit“. Wie schon bei seinem Besuch in Kolumbien 2013 bot Gauck auch in Peru die Hilfe Deutschlands bei der Aufarbeitung des Traumas einer von Gewalt und Unrecht geprägten Geschichtsepoche an. Der Impuls sei verständlich, die Vergangenheit zu verdrängen und „nach vorne zu schauen“, sagte Gauck, doch das Verschüttete trete spätestens nach einer Generation wieder zutage. „Eine Nation verliert sich nicht, wenn sie ihre Schuld bekennt“, sagte der Bundespräsident.

Der linke Terror wie auch der Gegenterror von Armee und Polizei wüteten vor allem in der Andenregion Ayacucho im Süden des Landes. In der Hauptstadt Lima an der Pazifikküste rief sich der Terror durch gelegentliche Bombenanschläge und Attentate in Erinnerung, doch zu dem von studentischen Sympathisanten der Guerrilleros erhofften und angeheizten „Befreiungskrieg“ in den Städten kam es nicht. Im Juni und im September 1992 gelang den peruanischen Sicherheitskräften mit den Festnahmen von Abimael Guzmán, dem Anführer des „Leuchtenden Pfads“, sowie von Víctor Polay Campos, dem Chef der MRTA, die entscheidenden Schläge gegen die Terroristen. Es dauerte noch weitere acht Jahre, bis die Epoche des Terrors im Jahre 2000 zu einem Ende kam. Guzmán und Polay Campos sind heute 80 beziehungsweise 63 Jahre alt. Sie wurden zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt und sitzen beide im Hochsicherheitsgefängnis Callao im Hafenbezirk von Lima - im gleichen Gefängnis übrigens wie der berüchtigte langjährige Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos, der hinter zahlreichen Massakern des staatlichen Gegenterrors steckt und schließlich über seine Verbindungen zu Drogenkartellen und wegen massiver Bestechung von Politikern, Militärs und Medienvertretern zu Fall kam.

Schon 2001 wurde die unabhängige Wahrheits- und Versöhnungskommission ins Leben gerufen, deren beispielhafte Arbeit - etwa die Anhörung von rund 16.000 Zeugen - als Meilenstein in Perus Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit gilt. Für 54 Prozent der Todesopfer machte die Kommission in ihrem 2003 vorgelegten Abschlussbericht den „Leuchtenden Pfad“ verantwortlich; dem peruanischen Militär und paramilitärischen Gruppen wurde die Verantwortung von immerhin 42 Prozent der Opfer zur Last gelegt.

„Opfer werden gütig, wenn die Täter ihre Schuld bekennen“, sagte Gauck bei seiner Rede zur Museumseröffnung. Diese Überzeugung hat Gauck auch bei seinen Gesprächen unter vier Augen mit Präsident Ollanta Humala immer wieder bekräftigt. Ob der Rat auf offene Ohren gestoßen ist, wird sich nicht zuletzt im „Lugar de la Memoria“ zeigen. Der Konsens im Umgang mit der Vergangenheit war in Peru stabil genug, um einen Ort der Erinnerung zu bauen. Bisher war dieser Konsens aber zu schwach, um diesen Ort auch auszufüllen.

Weitere Themen

Einigung über neues Bundespolizeigesetz

F.A.Z. exklusiv : Einigung über neues Bundespolizeigesetz

Nach langer Blockade einigen sich die Fraktionen von Union und SPD auf Eckpunkte für ein neues Bundespolizeigesetz. Das könnte der Behörde mehr Kompetenzen verschaffen. Manche Wünsche der Union bleiben aber unerfüllt.

Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

Topmeldungen

Unser Autor: Oliver Georgi

F.A.Z.-Newsletter : Die Spielchen des Markus Söder

Viele Karten sind im Spiel, wenn es um den künftigen Vorsitz der Union geht. Eine trägt sicherlich den Namen von CSU-Chef Markus Söder. Der gab sich bei der Jungen Union vielsagend zu dieser Frage. Der Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.