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Brasilien : Die Hölle von Pedrinhas

  • -Aktualisiert am

Zu spät: Die brasilianische Polizei bereitet sich auf den Sturm des Gefängnisses vor Bild: REUTERS

In einem brasilianischen Gefängnis werden drei Männer geköpft – und die Regierung schaut hilflos zu. Hinter Gittern nimmt der Konflikt verfeindeter Verbrecherkartelle immer grausamere Formen an.

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          Schon das reguläre Gefängnisessen aus halbgarem Reis und rohem Huhn ist unbekömmlich. Doch wer stattdessen einen Cocktail namens „Gatorade da morte“ zu trinken bekommt, der überlebt es in der Regel nicht. Wie viele Häftlinge in den überfüllten Gefängnissen Brasiliens jedes Jahr an dem Gebräu mit einer Überdosis Drogen zugrunde gehen, weiß niemand. Bekannt aber ist, dass die gewaltsame Verabreichung des „Todes-Gatorade“ zu den üblichen Praktiken im Kampf verfeindeter Verbrecherkartelle hinter Gittern gehört.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In die jährliche Statistik von Tötungsdelikten in den brasilianischen Zuchthäusern gehen Todesfälle wegen einer Überdosis von Drogen jedenfalls nicht ein. Nach Überzeugung von José de Jesus Filho, dem Rechtsberater der brasilianischen Gefängnisseelsorger, ist die Dunkelziffer hoch. Die offizielle Statistik verzeichnet für das vergangene Jahr 218 Tötungen in Brasiliens Gefängnissen. Fachleute gehen davon aus, dass deutlich mehr der rund 800 Todesfälle, die jährlich in den Haftanstalten verzeichnet werden, auf das Konto der Banden gehen.

          Dass die unsäglichen Zustände in den Gefängnissen des Landes dieser Tage wieder einmal die politische Debatte Brasiliens prägen und den UN-Hochkommissar für Menschenrechte mit der Forderung nach „unverzüglichen Schritten zur Wiederherstellung der Ordnung“ in den brasilianischen Haftanstalten auf den Plan gerufen hat, ist einem Fall besonders abscheulicher Barbarei im berüchtigten Gefängnis Pedrinhas im nordöstlichen Bundesstaat Maranhão geschuldet. In dem Zuchthaus wurden bei einer gewaltsamen Abrechnung zweier verfeindeter Banden am 17. Dezember drei Gefangene ermordet. Diese Woche ist nun ein Video aufgetaucht, auf dem die mit zahlreichen Messerstichen zugerichteten und dazu enthaupteten Leichname zu sehen sind, wie sie von den mutmaßlichen Tätern oder Mitläufern mit Füßen getreten und als Trophäen präsentiert werden. „Du musst die Linse scharf stellen“, ruft einer der Gefangenen dem Filmenden zu. Die mit einem Mobiltelefon aufgezeichneten Aufnahmen gelangten später an die Wachmannschaften, die sie ihrerseits der Tageszeitung „Folha de São Paulo“ zuspielten.

          Ein Verletzter wird nach der Eskalation in Pedrinhas medizinisch versorgt
          Ein Verletzter wird nach der Eskalation in Pedrinhas medizinisch versorgt : Bild: REUTERS

          In dem Zuchthaus von Pedrinhas, das auf 1700 Gefangene ausgelegt ist, werden zurzeit rund 2500 Häftlinge festgehalten. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden seit 2007 mehr als 150 Menschen in Pedrinhas umgebracht. Allein im vergangenen Jahr wurden bei Auseinandersetzungen rivalisierender Banden in den Gefängnissen des Bundesstaates Maranhão 62 Häftlinge getötet. Zudem kommt es immer wieder zu Vergewaltigungen von Frauen, die ihre inhaftierten Männer, Brüder oder Söhne besuchen. Um sich selbst vor der Gewalt feindlicher Banden zu schützen, überreden Gefangene ihre zum Besuch ins Gefängnis kommenden Frauen oder weiblichen Verwandten zu sexuellen „Dienstleistungen“ an den besonders brutalen Führern der feindlichen Kartelle.

          Die jüngste Auseinandersetzung im Gefängnis von Pedrinhas zwischen zwei Banden, die sich gegenseitig die Vorherrschaft über die Hauptstadt São Luís und die ländlichen Gebiete des Bundesstaates streitig machen, führte außerdem zum Tod eines sechs Jahre alten Mädchens. Als Vergeltung für die Entsendung von Beamten der Bundespolizei in das Gefängnis und für die Verlegung ihres Bandenführers in ein Bundesgefängnis rief das in São Luís herrschende Kartell zu Überfällen auf Polizeiwachen und zu Brandanschlägen auf Busse auf. Bei einem der Brandanschläge vom 3. Januar erlitt das Mädchen so schwere Verbrennungen, dass es drei Tage später seinen Verletzungen erlag.

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