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Brasilien : Auf der Achse des Zorns

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Boulevard der Empörung: Die Avenida Paulista ist zum Epizentrum der Proteste geworden Bild: AP

Die Paulista ist Brasiliens Prachtstraße. Früher feierte Präsident Lula dort seine Siege. Nun hat die Mittelschicht, die er schuf, ihm die Straße abgerungen.

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          Am Morgen sieht die Avenida Paulista wieder aus wie immer. Der Verkehr brüllt über die achtspurige Straße, auf den Bürgersteigen hetzen Angestellte in schwarzen Anzügen und elegant gekleidete Sekretärinnen entlang der feudalen Eingänge zu den Hochhäusern. Die monströse Geschäftsstraße wirkt blankgeputzt. Kein Papier, keine leere Flasche, keinerlei Abfall liegt mehr herum. Nichts zeugt mehr davon, dass am Abend und in der Nacht Zehntausende über die größte, wichtigste und repräsentativste Verkehrsachse des Molochs São Paulo gezogen sind.

          In São Paulo hat die Protestwelle ihren Anfang genommen. Eine Studentengruppe, die sich „Passe Livre“ (Nulltarif) nennt, demonstrierte gegen die Erhöhung des Omnibustarifs um zwanzig Centavos, sieben Eurocent. Inzwischen ist die Tariferhöhung längst zurückgenommen. Die verantwortlichen Politiker sind unter dem Eindruck der Proteste eingeknickt. Doch es war zu spät. Die ersten Demonstrationen waren der Zündfunke, der die Energie des aufgestauten Zorns in der brasilianischen Gesellschaft freisetzte.

          Inzwischen geht es um viel mehr: um die verbreitete Korruption und die Verschwendung öffentlicher Gelder; um die miserablen Zustände im öffentlichen Gesundheits- und Bildungswesen; um immer neue Missgriffe der Regierenden, denen der Kontakt zur Bevölkerung abhandengekommen zu sein scheint. Die Paulista ist das Epizentrum der Proteste. Sie ist zum Symbol der landesweiten Auflehnung gegen den politischen Apparat in der fernen Hauptstadt Brasília geworden.

          Die neuen Mittelschicht

          Am Donnerstagabend und in der Nacht zu Freitag zogen mehr als hunderttausend Brasilianer über die Prachtstraße - im ganzen Land waren es etwa eine Million. Es war der vierzehnte Tag der Demonstrationen. Etliche Demonstranten trugen Masken des englischen Offiziers Guy Fawkes, jenes Mannes, der am 5. November 1605 mit einem Sprengstoffattentat das englische Parlament zu sprengen und König Jakob I. zu töten versuchte. In dem politischen Comic „V wie Vendetta“ trug ein anarchistischer Terrorist die Fawkes-Maske, der gegen eine autoritäre Macht kämpfte.

          Danach war die Maske zur Identifikationsfigur des Hacker-Kollektivs „Anonymous“ geworden. Nun haben die jungen Demonstranten auf der Paulista sie übernommen. Die meisten von ihnen sind Studenten, die der neuen Mittelschicht entstammen: einer Schicht, die erst durch die erfolgreiche Wirtschafts- und Sozialpolitik des früheren Präsidenten Lula und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff entstehen konnte. Die Präsidentin brauchte lange, bis sie auf die Proteste reagierte. Erst als die Menge der Demonstranten die Millionengrenze erreichte, war es so weit.

          Am späten Freitagabend, während sich auf der Paulista die Kundgebung, die viel kleiner als am Vorabend war, schon langsam auflöste, versprach Rousseff in einer Fernsehansprache einen „großen Pakt“ für ein besseres Brasilien. Sie wolle das öffentliche Verkehrssystem ausbauen, mehr Einnahmen aus der Ölförderung in die Bildung investieren und Ärzte aus dem Ausland anwerben, sagte sie. „Die Stimme der Straße muss gehört und respektiert werden.“ Sie selbst werde vom Kampf gegen Korruption und die Veruntreuung öffentlicher Gelder „nicht ablassen“.

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