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Boston-Attentat : Die Rückkehr des Terrors

  • -Aktualisiert am

Der Boston-Marathon lief seit vier Stunden, neun Minuten und 43 Sekunden, als auf der Zielgeraden die erste Bombe explodierte. Bild: REUTERS

Am ersten Jahrestag des Attentats von Boston liegt noch einiges im Dunkeln. Ermittler hätten schon früher Hinweisen auf die Tsarnaev-Brüder nachgehen können. Inzwischen bereitet eine junge Frau aus dem Umfeld der Attentäter Sorgen.

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          Bis zum Prozessbeginn im November will die Staatsanwaltschaft das Video unter Verschluss halten, das heute vor einem Jahr den Horror des Doppelanschlags auf den Bostoner Marathonlauf festgehalten hat. Aber es gibt ein Foto, das auch hartgesottenen Ermittlern des FBI Tränen in die Augen treibt, wenn man es ihnen heute vorlegt. Es zeigt einen Ausschnitt der Menschenmenge, die sich nahe der Ziellinie auf der Boylston Street an einem Absperrgitter drängt. Es zeigt den Angeklagten, Dzokhar Tsarnaev, dem die Todesstrafe droht. Es zeigt den Rucksack mit dem Sprengsatz darin, den er soeben abgestellt hat. Und es zeigt etliche der Opfer - nicht zuletzt den achtjährigen Martin Richard, der Minuten später ums Leben kommen wird, seine jüngere Schwester, die ein Bein verliert, und seinen Vater, dessen Gehör sich nie wieder von der Explosion erholt hat.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Knapp zwei Tage hatte es nach der Tragödie vom 11. April 2013 mit drei Toten und mehr als 260 Verletzten gedauert, bis die 120 Agenten, die in einem FBI-Gebäude in Virginia 13.000 Videos und mehr als 120.000 Fotoaufnahmen sichteten, auf das entscheidende Beweisstück stießen. Doch es half ihnen zunächst nicht weiter, weil sie den Täter nicht identifizieren konnten. Erst nach anderthalb Tagen, in denen falsche Medienberichte über angebliche Spuren einiges Chaos stifteten, rangen sich die Ermittler dazu durch, Fotos der beiden Verdächtigen zu veröffentlichen.

          Damit setzten sie in Gang, was sie zunächst verhindern wollten: Eine hektische Flucht der Brüder Tsarnaev, in deren Verlauf zunächst ein Polizist der Universität „Massachusetts Institute of Technology“ und später der ältere der beiden Verdächtigen, Tamerlan Tsarnaev, getötet wurden. Sein heute 20 Jahre alter Bruder Dzokhar, der angeschossen fliehen konnte, wurde nach einem weiteren für Boston tragischen Tag gefasst, an dem die Bewohner der freiheitsliebenden Neuengland-Metropole aufgefordert waren, sich in ihren Häusern zu verschanzen.

          Der erste große Terroranschlag auf amerikanischem Boden seit dem 11. September 2001: Während des Boston-Marathons explodiert vor laufender Kamera eine Bombe Bilderstrecke
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          Auch am ersten Jahrestag des Attentats liegt manches im Dunkeln. Ziemlich sicher sind sich die Ermittler inzwischen jedoch, dass eine zunächst weit verbreitete Annahme falsch ist: Es gilt nun als unwahrscheinlich, dass die Tsarnaev-Brüder von tschetschenischen oder dagestanischen Dschihadisten im Bombenbau unterrichtet worden sind. Vielmehr dürften sie ihre aus Dampfkochtöpfen zusammengebauten Sprengsätze nach einer Anleitung konstruiert haben, welche die Terrorgruppe „Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ im Jahr 2011 in ihrem englischsprachigen Internetmagazin „Inspire“ veröffentlicht hatte.

          Das nimmt dem vorige Woche erneuerten Vorwurf die Spitze, dass die russischen Sicherheitsbehörden dem FBI vor den Anschlägen nicht alle ihre Informationen über die Tsarnaev-Brüder weitergegeben hätten, obwohl die Amerikaner nähere Angaben angefordert hätten. Der Generalinspekteur der 16 amerikanischen Geheimdienste, der dem nachgegangen ist, urteilt in seinem soeben fertiggestellten Bericht nicht darüber, ob die zusätzlichen Informationen den Lauf der Dinge geändert hätten. Es geht im Kern offenbar um ein im Jahr 2011 von russischen Diensten abgehörtes Telefonat, in dem sich Tamerlan Tsarnaev mit seiner Mutter „allgemein“ über den Dschihad ausgetauscht haben soll. Daraufhin warnte Moskau die amerikanischen Behörden, die beiden nahe Boston lebenden Personen seien mutmaßlich religiöse Extremisten. Das FBI hatte so aber keine Handhabe, um vor Gericht eine Überwachung der Tsarnaevs zu beantragen.

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