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Bolivien : Trockenübungen auf dem Titicacasee

  • -Aktualisiert am

„Das Meer wiederzugewinnen, ist eine Pflicht“: Bolivianische Marinesoldaten Bild: Fabio Cuttica /Contrasto/laif

Bolivien hat seit dem Salpeterkrieg im 19. Jahrhundert keinen Zugang zum Pazifik mehr. Das Land bemüht sich, den Meereszugang zurückzuerobern - an praktikablen Strategien mangelt es aber.

          Auf dem Hauptplatz von San Pedro de Tiquina reckt der aus dem Schaum des Titicacasees geborene Inkaherrscher Manco Kápac seine Arme in den Himmel. Nicht weit davon führt eine unscheinbare Tür zu dem Gebäudekomplex des vierten Distrikts der bolivianischen Marine. Die Anlage muss ein großes Geheimnis bergen. Denn dem Wunsch, sie besichtigen zu wollen, begegnet der wachhabende Marinesoldat schroff mit dem Hinweis, dass dazu eine Erlaubnis aus La Paz nötig sei. Doch diese zu beantragen, ist ein sinnloses Unterfangen: Erst halten die Behörden den Bewerber hin und erteilen schließlich ein regelrechtes Verbot, das Gelände zu betreten.

          Vielleicht ist es der Marine ganz einfach nur peinlich, am Titicacasee einen Stützpunkt zu unterhalten, der vorgibt, eine „Meeres“-Streitmacht zu beherbergen, die aber nur auf dem Binnensee herumschippern darf. Und das allein deshalb, weil das Nachbarland Chile im Salpeterkrieg zwischen 1879 und 1884 Bolivien mehr als 120.000 Quadratkilometer Land samt 400 Kilometer Küste weggenommen und damit den Zugang zum Pazifik versperrt hat. Für Regierung und Militärs in La Paz ist es wohl auch gerade nicht opportun, dass in der Wunde des verlorenen Meereszugangs herumgestochert wird.

          Den Haag soll den Streit schlichten

          Denn Bolivien hat den Internationalen Gerichtshof in Den Haag angerufen, um einen Spruch im Streit mit Chile herbeizuführen. Dabei will sich La Paz nicht in die Karten sehen lassen. Es ist einer der kompliziertesten Streitfälle zwischen südamerikanischen Ländern, der in Den Haag geschlichtet werden soll. Im glasklaren Licht der Mittagssonne auf dem bolivianischen Altiplano, der auf fast 4.000 Meter gelegenen bolivianischen Hochebene, erscheint San Pedro de Tiquina als friedliche Feriensiedlung.

          Oberhalb der Ortschaft hat man auf der Landstraße Nummer 2 einen guten Überblick über den Marinestützpunkt. Er wirkt von da aus weniger wie eine militärische Einrichtung, eher wie ein Freizeithafen. Ein paar Patrouillenboote liegen vor Anker, an der Anlegestelle fällt ein Gebäude mit einem großen roten Kreuz auf, daneben liegen Mannschaftsunterkünfte und ein Fußballfeld.

          Weil es den Matrosen verwehrt ist, die Weltmeere zu befahren, beschränken sie sich auf Überwachungsfahrten und Tauchübungen. Durch den Titicacasee verläuft immerhin die Grenze zum Nachbarland Peru. Das Flaggschiff „Mosoj Huayna“ unternimmt auch schon mal eine freundschaftliche Besuchsfahrt ins peruanische Puno. Die Marine probt für den Fall, dass sie eines Tages doch auf das Meer hinausfahren darf. Aber nicht sehr konsequent.

          Es sind viel eher Trockenübungen. Die Marineschule, die sich bislang in La Paz befand, ist im vergangenen Jahr umgezogen, doch nicht an den Titicacasee, wie es konsequent gewesen wäre, sondern nach Cochabamba, ins Landesinnere. Wenn man nicht genau hinsieht, könnte man sich auf der gut 40 Kilometer langen Strecke von Tiquina nach Copacabana an die spanische Costa Brava versetzt fühlen: Zerklüftete Steilküsten säumen das Seeufer, und im Hintergrund leuchten, von weitem den Pyrenäen ähnlich, die verschneiten Gipfel der Andenkordillere.

          Bei Copacabana öffnet sich der Titicacasee, bis zum Horizont ist nur Wasser zu sehen. Die Illusion, sich an einem Meeresgestade aufzuhalten, ist perfekt. Vielleicht hat diese optische Täuschung die bolivianische Armada in den sechziger Jahren dazu angeregt, sich hier oben als „Meeres“-Streitmacht auszutoben. Dabei hat sie eine viel wichtigere Aufgabe: Sie muss ein gewaltiges Flusssystem überwachen, in dem mehr als 40.000 Kilometer schiffbar sind.

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