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Bernie Sanders : Der Star, der aus dem Nichts kam

  • -Aktualisiert am

Iowa, August 2015: Bernie Sanders beim Versuch, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden Bild: Reuters

Bernie Sanders begeistert Millionen Amerikaner - und lehrt Hillary Clinton das Fürchten. Könnte erstmals ein Sozialist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden?

          6 Min.

          Amerikaner, heißt es in einer alten Redensart, haben nur vor zwei Dingen Angst: vor Sozialisten und ansteckenden Krankheiten. Letzteres hat die Desinfektionsmittel im amerikanischen Leben so allgegenwärtig werden lassen wie Klimaanlagen und Kaugummis. Sogar mancher Priester desinfiziert sich mitten im Gottesdienst demonstrativ die Hände, um der Gemeinde zu signalisieren, dass die Kommunion bei ihm garantiert keimfrei ist. Gebracht hat all der Aufwand nichts; Infektionskrankheiten sind in Amerika genauso verbreitet wie anderswo auch. Erfolgreicher ging man bisher gegen Sozialisten vor. Ein ums andere Mal ist es in Amerika gelungen, sozialistische Kandidaten und Parteien rasch zu marginalisieren oder, wie zu Zeiten des McCarthyism, sogar zu kriminalisieren. Keine andere westliche Industrienation hat sich in den letzten hundert Jahren als dermaßen sozialismusresistent erwiesen. Das amerikanische Herz schlug noch nie links. Dann kam der Sommer 2015 und mit ihm ein Mann namens Bernie Sanders. Und alles wurde anders.

          Zugegeben, der Weg von den Vorwahlen bis ins Weiße Haus ist lang und kurvenreich. Da ist schon mancher auf der Strecke geblieben. Doch schon jetzt hat Bernie Sanders, Sohn eines polnischen Juden, der vor Hitler nach Amerika floh, bei weitem mehr erreicht, als man ihm je zugetraut hätte. Er galt eigentlich als Exot am linken Rand, dem nicht einmal Außenseiterchancen eingeräumt wurden, schon gar nicht gegen die übermächtig scheinende Hillary Clinton. Doch nun liegt Sanders in wichtigen Umfragen mit der früheren First Lady gleichauf, in manchen führt er. Ihm fliegen neuerdings Millionen an Wahlkampfspenden zu, und, wichtiger noch, die Menschen strömen zu seinen Wahlkampfauftritten. In Portland kamen vor ein paar Tagen 28.000, um ihn zu sehen, in Seattle 15.000, in Phoenix 11.000, in Los Angeles 27.000. Hillary Clinton hatte bei ihrem bislang größten Wahlkampfauftritt 5000 Zuhörer; es war noch viel Platz im Saal.

          Die Begeisterung für den selbsternannten „amerikanischen Sozialisten“ Bernie Sanders wäre nicht so überraschend, wenn es sich um einen schwungvoll auftretenden neuen Politstar (wie 2008 Obama) handeln würde oder einen Promi, der den Quereinstieg in die Politik versucht (wie 2005 Arnold Schwarzenegger oder jetzt Donald Trump). Doch Sanders, 73, ist einer, der sich altherrenhaft räuspert, das Resthaar, so gut es geht, über die Glatze kämmt und mitten im Wahlkampfauftritt seine Hörgeräte neu einstellt. Anschließend redet er lang und umständlich und immer viel zu viel - so wie ein langjähriger Berufspolitiker, Bürgermeister und Parlamentarier nun einmal redet. Im Senat hat er einmal acht Stunden am Stück gesprochen. Ein rhetorisches Feuerwerk war es nicht.

          Kleinverdiener und Studenten helfen Sanders

          Dennoch sind seine Anhänger im Durchschnitt viel jünger als die von Hillary Clinton, und vor allem sind sie motivierter. Sie nutzen die Möglichkeiten des Internets aggressiv, um Wahlwerbung zu machen, sie haben Bernie Sanders eine eigene App gebastelt, die sich Zehntausende herunterladen, um seinen Wahlkampf genau zu verfolgen. Und obwohl Sanders auf die Unterstützung großer Wahlkampffinanziers und Unternehmen freiwillig verzichtet, ist er ausgesprochen gut bei Kasse: Allein in den letzten Wochen kamen durch E-Mails, Textnachrichten und Spendenaufrufe via Twitter 15 Millionen Dollar rein. Das Wort der „Graswurzelbewegung“, das Obama in seinem ersten Wahlkampf oft im Munde führte, stimmt bei Bernie Sanders wirklich: Es sind keine Millionäre, die ihn unterstützen, sondern Malocher und Kleinverdiener, Studenten, Althippies, Alleinerziehende, Politikverdrossene, Umweltschützer und linke Intellektuelle.

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